Lesen Kinder Romane? Sie lesen jeden, an den sie herankommen. Lesen Kinder Kinderromane? Keineswegs jeden. Man braucht nur mal einen knappen Nachmittag lang in der Nähe einer Bibliotheksausleihe zu verbringen, gleich verblassen die hoch gestochenen Kriterien der Erwachsenen zu erbaulichem Falschgeld. Daß das Kind unterhalten sein will, liegt auf der Hand. Aber was will es noch. Es will, daß etwas passiert. Es will, daß die Handlung aus den Nähten kracht. Es will lachen. Es will heulen. Es will Wut. Es will Besänftigung. Es will Wirklichkeit; seine und die der Erwachsenen. Es will Probleme; auch ungelöste. Es will sich den Kopf zerbrechen. Es will Anteil nehmen. Es will aufs Glatteis geführt werden. Man soll ihm mit Ansprüchen kommen. Es will einsteigen können. Es will mitmischen. Sich identifizieren. Herzklopfen kriegen. Vor Aufregung die Schularbeiten vergessen. Will die Liebe, die Verzweiflung, die Trauer wiedererkennen. Will Humbug, Nonsens, Heiterkeit finden. Will auch ein bißchen was lernen. Will auch ein wenig Neuland entdecken. Nur eben: Interessant soll es sein und anspruchsvoll und verständlich. Nicht mehr der Kästner’sche Onkelton. Nicht mehr die pädagogischen Damen mit dem Umweltgespür. Sondern der Autor also Kumpeltyp. Die Kinderroman-Autorin als Spielplatzkollegin. Der Kinderroman auf uneingeschränkter Glaubwürdigkeitsbasis.

Uneingeschränkt glaubwürdig auf Kinderebene? Wo sonst. Aber die Zeitgeschichte zum Beispiel. Man kann doch Kindern, die Nazizeit nicht aus erster Quelle anbieten. Man kann. Man kann „sogar“ aus der Nazizeit eine Brücke in unsere schlagen. Und man kann sogar noch Humor dabei haben, (der Kindern mindestens so wie die Wahrheit gebührt).

Um den hier fälligen Beleg zu erbringen: Christine Nöstlinger hat ein Buch geschrieben, das „Rosa Riedl, Schutzgespenst“ heißt. Das ist ein realistischer Kinderroman, der einen unsichtbaren Geist zur Hauptperson hat. Das Paradoxe: Selten hat in der Kinder-Literatur eine Figur so prall und lebensecht Gestalt angenommen, wie dieses unsichtbare „einzige Arbeitergespenst Europas“, wie Rosa Riedl selbst sich nennt. Denn bisher haben ja immer bloß Adelsgespenster gespukt und ist der Spukschauplatz niedrigsten Falles die Schloßruine gewesen. Rosa, die ehemalige Hausmeisterin, geht statt dessen im altgewohnten Wiener Häuserblock um. Da sollte, meint sie, ein wenig mehr Gerechtigkeit herrschen. Und dafür sorgt sie dann auch.

Rosa kann es nämlich nicht lassen. Obwohl nachweislich 105 Jahre inzwischen, ist sie 1958 gewaltsam zu Tode gekommen. Da hat der Herr Fischl, ein jüdischer Bürger, von SA-Leuten dazu gezwungen, mit einer Zahnbürste das Signum der Sozialistischen Arbeiterpartei vom Pflaster wegputzen müssen. Lauter Leute um ihn herum. Keiner hat sich ernsthaft um den leichenblassen Herrn Fischl gekümmert. Bis, auf der anderen Straßenseite, die Rosa. Empört rennt sie über den Damm. Und wird von der Tram zu Tode gefahren. So werden in Christine Nöstlingers Wien Gespenster gemacht. Denn: „Wenn einer so dringend was zu erledigen hat, wie ich damals“, sagt heute Rosa, „wenn einer so zornig und wütend ist, dann kann der nicht richtig sterben, weil er keine Ruhe hat.“ Folgerichtig bezogen Rosas Spuk-Aktionen, zwar nicht hauptamtlich, so aber doch auch allerlei Nazipersönlichkeiten mit ein.

Ihr Hauptaugenmerk im Buch hat Rosa dann aber auf Nasti, sprich Anastasia, gerichtet. Das ist ein heute lebendes Mädchen, das ungeheuren Schiß hat vor Hunden, finsteren Kellern, der einsamen Wohnung und glucksenden Klos: Genau das gefundene Fressen für Rosa, die sich Nasti, und schließlich sogar deren patende Eltern, zu ihren Vertrauten erwählt. Bis sie, gegen Schluß des Buches, ihre segensreiche Tätigkeit, zum anfänglichen Kummer Nastis, in die Schule verlegt.

Geschrieben ist das alles in einem anrührend wienerischen Tonfall, der, ohne die Autorin achtbar werden zu lassen, ständig Durchblicke auf eine warmherzige, sachlich distanzierte Menschlichkeit freigibt. Nirgendwo der didaktische Zeigefinger, das großdeutsche Anliegen, das anbiedernde Märchentantengeraune.

Dafür prägnant gezeichnete Charaktere, mundgerechte Dialoge, urbaner Witz und ein Charme, dem man anmerkt, er hat auch ein bißchen mit Trauer zu tun. Denn schließlich: von allzu vielen Rosa Riedls hat man ja nicht gerade gehört.

Christine Nöstlinger: „Rosa Riedl, Schutzgespenst“, Illustrationen von Christine Nöstlinger junior; Verlag Jugend & Volk, Wien und München; 159 S., 16,– DM.