Von Hans Schueler und Ulrich Völklein

Am 28. Juni erhielt der Kölner Schriftsteller Günter Wallraff einen Brief des Bundesinnenministeriums: Da Anfang 1974 „tatsächliche Anhaltspunkte“ zumindest für einen Verdacht des Hochverrats gesprochen hätten, sei sein Telephon in der Zeit zwischen dem 22. März und 24. Mai 1974 abgehört worden. Dieser Verdacht hat indes durch die Lauschaktion keinerlei Bestätigung gefunden. Deshalb, so der Sachbearbeiter Lenz in der „Kanzlei I“ des Innenministeriums nach mehr als fünf Jahren, seien alle, aufgezeichneten Gespräche mittlerweile „vernichtet“ worden. Für Empörung sieht der Beamte, keinen Anlaß: „Dies ist ein ganz normaler Vorgang.“

Welches waren nun die „tatsächlichen Anhaltspunkte“? Es gab nur einen: Am 11. Januar 1974 soll sich Günter Wallraff nach Beobachtungen von Verfassungsschützern in der Nähe von Köln mit der damals noch flüchtigen Margrit Schiller getroffen haben, einer Angehörigen der Roten Armee-Fraktion.

Nach diesem angeblichen Treff verlegte sich das Bundesamt für Verfassungsschutz zunächst einmal, aufs Warten. Erst am 8. März, vier Wochen nach der Verhaftung von Margrit Schiller am 4. Februar 1974, stellte der Verfassungsschutz beim Bundesinnenministerium den Antrag auf Telephonüberwachung des Schriftstellers. Nach „gründlicher Prüfung des Sachverhalts“, so Ministeriumssprecher Klaus Westkamp, habe das Ministerium am 20. März die Abhöraktion angeordnet.

Günter Wallraff ist außer sich; nicht nur wegen der Telephonüberwachung und der ihm unterstellten hochverräterischen Absichten. Der ihm unterschobene Kontakt zu Margrit Schiller ist für ihn „ganz offenkundig eine Finte“: „Margrit Schiller kenne ich nicht und habe ich nie getroffen“, versichert er in einer eidesstattlichen Erklärung. Ihm geht es um viel mehr. An dieser Abhörmaßnahme möchte er den Nachweis führen, daß „sich der Geheimdienst- und Überwachungsapparat in der Bundesrepublik verselbständigt“ hat, daß „eine parlamentarische oder rechtliche Kontrolle nicht mehr möglich ist“.