Haithabu/Schleswig

Endlich war es so weit: nach 14 Jahre langen, technisch und finanziell höchst aufwendigen Vorbereitungen kamen in der vergangenen Woche Teile des nicht nur unter Fachleuten berühmt gewordenen Haithabu-Schiffs ans Tageslicht, das hier im Haddebyer Noor, einem Teil der Schlei, vor etwa tausend Jahren unterging.

Mehrere Fernsehteams waren nach Haithabu, der ehemaligen Wikingerstadt bei dem heutigen Schleswig, geeilt (und hielten den Leiter des Projekts, Kurt Schietzel, einen Tag lang von der Arbeit ab), um das große Ereignis zu filmen und de Schiffsbergung Millionen Menschen vor Augen zu bringen. Doch was es dann zu sehen gab, hüte mit den Wikingerschiffen auf dem 70 Meter langen Teppich von Bayeux, der die Überfährt Wilhelms des Eroberers nach England im Jahre 1066 zeigt, nicht die Spur von Ähnlichkeit.

Das ist allerdings kein Wunder, „Denn dies“, korrigiert der Prähistoriker V. Vogel, „ist nicht etwa, wie oft fälschlich gesagt wird, die Hebung eines Schiffs, sondern seine archäologische Berging.“ Zentimeterweise werden die Holzteile freigelegt und mit größter Sorgfalt feucht gehalten, damit sie nach ihrem viele Jahrhunderte langen Schlammbad nicht zu rasch austrocknen.

Vor 24 Jahren hatten Taucher das Wrack entdeckt, direkt vor Haithabu, etwa 50 Meter vom Ufer entfernt, sechs Meter unter der Wasseroberfläche im Schlamm. Der dänische Ingenieur und Experte für Wikingerschiffe, Ole Crumlin-Pedersen, Direktor der Schiffahrtshistorischen Abteilung des Dänischen Nationalmuseums (Schiffshalle Roskilde), der jetzt das Schiff birgt, schloß schon aus ersten Untersuchungen auf „ein richtiges Wikingerschiff“, wahrscheinlich aus dem 13. oder 11. Jahrhundert. Die besondere, ja sensationelle Bedeutung des Fundes liegt darin, daß es sich hier offenbar nicht – wie hingegen bei anderen berühmten Wikingerschiffen – um ein Grab-Schiff handelt, das einer Beisetzung diente, sondern um ein Schiff aus der seefahrerischen Praxis. Da das Wrack nicht irgendwo, sondern im Hafengebiet von Haithabu liegt, der bedeutendsten aller bisher bekannten Wikingersiedlungen, läßt seine Bergung und die damit verbundene Freilegung eines Teils der Hafenanlagen wichtige neue Erkenntnisse über die Wikinger, ihre Schiffe und ihre Häfen erwarten.

Um den Fund gewissermaßen im Tagebau zu bergen, also ohne unter Wasser gehen zu müssen, wurde um das 16 Meter lange Wrack ein Spundwandkasten (etwa 25 Meter lang und zehn Meter breit) gerammt. Und zwischen diesem Kasten und dem Festland von Haithabu wurde, ebenfalls aus Stahlspundwänden, ein zehn Meter breiter Zugangskasten errichtet. Das in den Kästen stehende Wasser wurde abgepumpt, und dann konnte man mit der eigentlichen Grabung beginnen.

Im Zugangskasten stießen die Archäologen auf die Reste eines langen Bootsstegs, von dem aus die Bewohner von Haithabu offenbar ihre Speisereste ins Wasser geworfen haben; zu beiden Seiten des Stegs wurden und werden Massen von Tierknochen, vor allem von Rind und Schwein, gefunden, täglich sechs bis acht große Kästen voll. Am Ende des Stegs lag möglicherweise das Schiff, um das es hier geht. Es weist Brandspuren auf. Vielleicht wurde es bei der Zerstörung Haithabus im Jahre 1050 verbrannt.

Aber das ist jetzt noch nicht mit Sicherheit auszumachen. Die Bergung wird noch mehrere Wochen in Anspruch nehmen. Ende September, so hoffen die Wissenschaftler, wird alles ausgegraben sein. Gerhard Prause