Um Herbert Marcuse wurde es hell. Wo immer er auftrat und diskutierte, spürte man: Hier spricht jemand, nicht um schöne Worte zu machen und sich ins rechte Licht zu setzen, sondern um Klarheit zu verbreiten. Zugleich ging von ihm eine Anteil nehmende Wärme aus, wie nur von wenigen Intellektuellen. Sein Leben war geprägt von den unheilvollen Geschehnissen des zwanzigsten Jahrhunderts. Dem jüdischen Bürgerssohn aus Berlin hörte man noch immer ein wenig die frühere Mundart an, aber in die Heimat, aus der ihn die Nazibarbarei vertrieben hatte, mochte er nicht für immer zurückkehren. Zu fremd waren ihm die satten Konsumbürger der erfolgreichen Bundesrepublik geworden. Erst als die große Welle des Jugendprotestes, der Bewegung gegen den Vietnam-Krieg, gegen ein phantasielos erstarrtes Establishment auch die Bundesrepublik erreicht hatte, hatte er hier in größerer Zahl Menschen, mit denen er sich verbunden wußte. An ihnen, an ihrem Schicksal war er bis zuletzt interessiert.

Nach Abschluß der diesjährigen „Römerberg-Gespräche“ in Frankfurt am Main traf er sich mit einer Anzahl älterer Studenten, um ihre Sorgen anzuhören und ihnen Mut zu machen. Nicht sie, die Jungen, sondern er, der Alte mußte Hoffnung wecken und Zuversicht verbreiten.

Vernunft und Revolution

Der Weg des Denkers Herbert Marcuse scheint nicht gradlinig zu sein. Es gibt nicht die eine Grundidee, die sich in den späteren Werken dann vielfältig ausbreitet. Marcuse hat zeit seines Lebens Neues aufgenommen und verarbeitet, erweitert. Martin Heidegger lehrte ihn die hermeneutische Methode der gründlichen Lektüre großer Texte. Durch ihn kam er zu Hegel und über Hegel zu Marx. Er war einer der ersten, der die fundamentale Bedeutung der Frühschriften und später der „Grundrisse“ erkannte und von hier aus das Gesamtwerk von Marx neu interpretierte. Dabei ging es ihm nicht um ein Ausspielen der philosophischen humanistischen Frühschriften gegen die Arbeiten des weisen Marx, sondern um die angemessene Beurteilung des Gesamtwerkes. So wenig Marcuse je zum orthodoxen Marxisten oder Kommunisten wurde, so wenig hatte er mit einer Apologetik der westlichen Industriegesellschaften im Sinn. Bertolt Brecht hat ihn im amerikanischen Exil kennengelernt und geschätzt. Georg Lukàcs sprach mit Anerkennung von ihm und von seinem methodischen Optimismus. Wenn es darum ging, den deutschen Faschismus zu besiegen und die Alliierten zu stärken, stellte sich Marcuse in den Dienst der amerikanischen Regierung. Später haben ihm das eifrige Sowjetmarxisten vorgehalten. Sie vergaßen, daß es in dieser Zeit keine andere Möglichkeit für ihn gab, am Kampf aktiv teilzunehmen. Schon vor dem Krieg entstand das Buch „Vernunft und Revolution, Hegel und die Entstehung der Gesellschaftstheorie“, das einem englischsprachigen Publikum zum tieferen Verständnis von Hegel und Marx verhelfen und den Zusammenhang der liberalen bürgerlichen Gesellschaft mit dem Faschismus beleuchten sollte. In einer Zeit, als manche Hegel zu einem Vorläufer der Nazis degradieren und auf die Rolle eines preußischen Staatsphilosophen reduzieren wollten, war das eine wichtige Tat.

In den Jahren nach dem Kriege schrieb Marcuse ein Buch über „Sowjetmarxismus“, in dem er die Verwandlung der kritischen und revolutionären Theorie von Marx in die Rechtfertigungs-Ideologie einer bürokratischen Gesellschaftsordnung aufwies. An der Theorie selbst zeigte er, wie deformiert die soziale Ordnung sein mußte, deren Ausdruck sie war. Mit dieser Arbeit wollte er unter anderem auch verhindern, daß zusammen mit dem „real existierenden Sozialismus“ der Sowjetunion auch die kritische Theorie diskreditiert wurde. Auch wenn es nicht möglich ist, die Sowjetgesellschaft mit marxistischen Kategorien ausreichend zu analysieren, kann man doch die Sowjetideologie recht gut marxistisch kritisieren. Kein Wunder, daß sich marxistische Dissidenten im Ostblock für Marcuse interessieren und daß er den Behörden dort verdächtig wurde.

Marcuses eigene Konzeption der künftigen, herrschaftsfreien Gesellschaft wurde am eindringlichsten in seinem Buch „Triebstruktur und Gesellschaft“ entwickelt, das zunächst nur in Fachkreisen Aufmerksamkeit erregte, in den späten sechziger Jahren aber zu einer der wichtigsten Anregungen der Studentenbewegung in Deutschland wurde. Marcuses These ist, daß Sigmund Freuds Feststellung des Gegensatzes von Lustprinzip und Realitätsprinzip zwar für die meisten bisherigen Gesellschaften Gültigkeit besitze, deshalb aber keineswegs ewig gelten müsse. Die hohe Produktivität der industriellen Arbeit habe – bei vernünftiger Organisation menschlichen Zusammenlebens und entsprechendem Abbau unvernünftiger Warenbedürfnisse – längst eine erhebliche Verminderung dieses Gegensatzes, vielleicht sogar die Überwindung möglich machen können.

Erster Schritt: Verweigerung