Von Karl-Heinz Wocker

London, Ende Juli

Die Zahl 39 ist bisher nur durch den bemerkenswerten Hitchcock-Kriminalfilm „Die 39 Stufen“ aufgefallen und als Kurzbezeichnung jenes Jahres, in dem der Zweite Weltkrieg begann. Der brachte das Ende des britischen Empire: 1944 fand zum erstenmal an Stelle einer „imperial conference“ eine Commonwealth-Konferenz statt. Deren Teilnehmerzahl steht nun bei 39. Die in Lusaka versammelten Staatsoberhäupter und Regierungschefs repräsentieren jeden vierten Erdenbürger und jedes fünfte Handelsgut, das irgendwo eine Grenze überschreitet.

Das sagt viel und wenig zugleich. China allein stellt ebenfalls ein Viertel der Weltbevölkerung, und die Europäische Gemeinschaft, viel geringer der Kopfzahl nach, bestreitet sogar ein Drittel des Welthandels. Aber das sind weitaus einheitlichere Gebilde. Das Commonwealth vereinigt alle Erdteile, Rassen, Hautfarben, Religionen, Bildungsstandards und Wohlstandsskalen. Der kanadische Multimillionär und Dauerfluggast der Concorde, so lautet die etwas schönfärbende Legende, gehört dieser Völkerfamilie ebenso an wie der Westsamoaner, der noch nie in seinem Leben ein Auto gesehen hat.

Über ein solches Konzept des Zusammenhaltens skeptisch, zu urteilen, erfordert wenig Aufwand. Zu offenkundig ist der Charakter eines Experimentes, einer Improvisation. Die übrigen Europäer und die Amerikaner sehen im Commonwealth einen jener Versuche britischen Durchwurstelns, auf das man stets gefaßt sein muß, ohne es ganz durchschauen zu können. Doch hier kommt die (Geistes-) Armut von der (Denk-) Poverté. Mag sein, daß im Kriegsbritannien, dem das Wasser zum Halse stand, die Bereitschaft zu Zugeständnissen an die Kolonien größer war, als es London nach 1945 lieb sein mochte. Nach der Entlassung Indiens und Ceylons in die Unabhängigkeit, vollzogen 1947/48, tröpfelten weitere Selbständigkeitszusagen zeitweise sehr zäh. Bedenkt man aber, daß die meisten afrikanischen Kolonien erst eigene Flaggen aufziehen durften, als sich das Weltklima erheblich verändert hatte und das Großbritannien der sechziger Jahre schon ökonomisch deklassiert und politisch abgewertet, durch Isolation zurückgeworfen dastand, so zeigt sich die Weitsicht des zuvor entwickelten Commonwealth-Prinzips. Zumindest gab es ein Auffangbecken. Das half den Londoner Geschäftsinteressen in diesen jungen Staaten ebenso wie es deren Bemühen erleichterte, einen sie aufwertenden Anschluß an die Entwicklungen der Welt zu finden.

Die Briten waren flexibel genug, für nahezu jede ehemalige Kolonie einen eigenen Rahmen zu entwerfen, auszuhandeln oder sich aufzwingen zu lassen, in dem sich die jeweilige Unabhängigkeit vollzog. Sie konferierten mit Guerrilleros, die sie noch ein Jahr zuvor, hätten sie ihrer nur habhaft werden können, ohne Federlesen vor ein Exekutionskommando gestellt haben würden. Sie legten stillschweigend Millionen, drauf, wo es sich zu lohnen versprach. Entwicklungshilfe war in London – im Gegensatz zu Bonn – nie ein Begriff, der im Parlament zu Anfragen darüber führte, welche Luxusbetten am Äquator wohl damit vergoldet werden sollten. Teile der Pfundmilliarden, die in das Commonwealth geflossen sind, dienten keinem anderen als eben diesem Zweck. Die Kunst lang nur darin, die jeweils richtigen Betten zu vergolden.

Das hat sich ausgezahlt. Was immer zum Beispiel in Nigeria im letzten Jahrzehnt an Krieg, Mord und Staatsstreich geschah, änderte an den Handelsbeziehungen zu Großbritannien erstaunlich wenig. Die Generäle kamen und gingen, die Vertreter der Londoner City blieben. Auch wenn man die Rückkehr der Ziviladministration in Lagos als Resultat der diesjährigen Wahlen, angekündigt für Oktober, nicht vorab mit zu großen demokratischen Hoffnungen dekorieren sollte, so wird doch die langfristige Stabilität der britisch-nigerianischen Beziehungen dabei eine Rolle gespielt haben.