Eine Diskussion über Großbritannien und Deutschland

Von Ralf Dahrendorf

Der Reiz Großbritanniens scheint nicht abzunehmen: bei Touristen nicht, trotz des hohen Pfundkurses, und bei Journalisten auch nicht, trotz der Stapel von Literatur zum Thema. Jochen Rudolph, Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen in London, der sich meiner Äußerungen zum Thema in einer langen kritischen Argumentation (am 21. 7.) liebevoll angenommen hat, hätte zum Beispiel auch über das vorzügliche Buch seines Kollegen Karl-Heinz Bohrer („Ein bißchen Lust am Untergang“), ganz zu schweigen von Bernard Nossiters Studie („The Future That Works“ – England, die Zukunft, die funktioniert) schreiben können. Er hat mich gewählt – leider unter dem eigentümlichen Titel „England – eine politische Idylle?“, wo doch der Witz an England ist, daß es gerade keine Idylle, sondern ein knisterndes, konfliktreiches politisches Gemeinwesen ist, während die Bundesrepublik zur Idylle neigt – oder zumindest bis zur Nominierung von Strauß neigte.

Rudolphs Argumentation ist einfach. Er findet Lobpreisungen für die britischen Tugenden des „take it easy“, des Schlangestehens, der Teepause fehl am Platze. Statt dessen müsse man auf den Verfall von Wirtschaft und Gesellschaft in Großbritannien hinweisen, die Gewerkschaften natürlich, die „Straßenschlachten“ (sic!) und die von Prinz Charles beschworene Gefahr, daß ohne wirtschaftliche Regsamkeit die Kulturwerte des Landes dahinwelken. Das ist verkürzt, gewiß; aber die Art der Argumentation ist hinlänglich verbreitet. Ich möchte ihr noch einmal den Kern meiner England-Analyse entgegenstellen. Es sind dies vier Punkte.

Elemente der Stärke

1. Der amerikanische Politologe S. Huntington blieb keineswegs allein, als er der Trilateralen Kommission von Amerikanern, Europäern und Japanern vor einigen Jahren in Kyoto vortrug, Demokratie könne nur bei Wirtschaftswachstum funktionieren. Sie beruhe auf einer Konkurrenz der Versprechungen, von denen wenigstens einige eingelöst werden müssen; als Nullsummenspiel ließe sie sich nicht spielen. Das ist in einer Zeit unsicherer Wachstumsprognosen ein ernstes Argument. Aber als empirisch erhärtet läßt sich behaupten, daß die britische Demokratie trotz Nullwachstum jahrelang, und in gewisser Weise (denn Großbritanniens Wirtschaftsschwäche datiert ja nicht von gestern) jahrzehntelang funktioniert hat.

2. Seit der Zeit, zu der Großbritannien von Deutschland wirtschaftlich überrundet wurde, verstärkt aber seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ist die britische Marktwirtschaft leider einem ineffizienten System gigantischer Unternehmenskomplexe unter staatlicher Kontrolle zum Opfer gefallen. Ich habe es immer bemerkenswert gefunden, daß dabei die Marktgesellschaft nicht in derselben Weise gelitten hat. England ist dezentralisiert und staatsfrei bis an die Grenzen der Anarchie – das gilt nicht nur für die Gewerkschaften, sondern für das Schulwesen und die Universitäten, für die Zulassung und Kontrolle von Ärzten und Anwälten. Die Bundesrepublik, die sich so viel auf ihre (ziemlich lädierte) Marktwirtschaft zugute hält, ist dagegen leider immer eine Staatsgesellschaft gelieben. In England fragt niemand, ob ein Dozent oder Anwalt bereit ist, feierlich seine Verfassungstreue zu bekunden – warum auch?; und wie in der Wirtschaft, so ist eben auch in der Gesellschaft Dezentralisierung und Eigentätigkeit die Quelle der Freiheit.