Von Fritz J. Raddatz

Endlich. Endlich weiß ich, was man Freunden, die aus Warschau, New York oder Jerusalem kommen, nach ihrem Deutschlandbesuch schenken kann. Nicht mehr den Bildband „Hamburg – Bild einer Stadt“, nicht mehr Thomas Manns Tagebücher oder „Der gebe Stern“. Nein, der neue Geschenkband, das Buch zum Film, heißt „Mein Kampf“. Der Autor des Bestsellers heißt Adolf Hitler. Ginge es nach Wille und Vorstellung meines Redaktionskol-Jegen Schueler – und vieler anderer in dieser Zeitung –, dann hätten wir Taschenbuchausgaben von „Mein Kampf“. Im Buchladen, am Kiosk, am Zeitungsstand. Kette U-Bahnfahrt mit ausländischen Besuchern. „Der Guide Michelin für Ihren Auschwitz-Besuch“, hieße vielleicht der Werbespruch, und bei „Titel, Thesen, Temperamente“ diskutierten wohl Speer mit Leni Riefeastahl, Studio-Ausstattung Arno Breker.

Der Humor wird einem gallig. Mit Witten ist es hier nicht mehr getan. Und mit dem Lieblingswort des Tomatenhandels – „ausgewogen“ – schon gar nicht. Bereits diese Debatte ist ein Skandal; sie soll mit Emphase geführt werden.

Mir ist jegliche juristische Argumentation zu diesem Fall schnurz. (Allah sei Dank: sogar die Justiz steht schützend vor dieser Horrorvorstellung, das Urheberrecht liegt beim Freistaat Bayern, und der weise Franz Josef wird den Teufel tun...) Mir ist die inhaltliche Auseinandersetzung wichtig. Das Argument lautet: Wer sich alt liberal versteht, darf keine Bücher verbieten. Wer das Buch dieses Verbrechers verboten haben will, öffnet dem Verbot von Bommi Baumann Tür und Tor. Wer sich gegen schwarze Listen, Lektürekontrolle in Bibliotheken und Grenzschnüffeleien nach „verdächtigem“ Lesestoff wehrt, muß Rosenberg, Goebbels, Himmler zulassen. Wer Faksimile-Nachdrucke von Linkskurve oder Weltbühne verlegt sieht, muß auch den Völkischen Beobachter ertragen.

Muß nicht. Das Argument ist falsch. Liberalität kann auch ausblassen zur wasserstoffahlen Friseur-Libertinage: „Jede Farbe ist gefällig grädige Frau, aber Braun wird jetzt wieder viel getragen.“ Liberal heißt, daß es möglich sein muß, sich mit auch extremen Denkpositionen eines Aston beschäftigen zu dürfen. Nur: diese Begriffe lassen sich auf Hitler nicht anwenden – Adolf Hitler ist kein „Autor“, und er hatte keine „Denkposition“. Es ist frivol oder ignorant, in einer solchen Debatte „Und Bakunin?“ zu rufen. Bakunin (der mit Richard Wagner in derselben Kutsche aus Deutschland floh) war ein de Sade der Politik; beide Phantasten, Himmelsstürmer, Erdumwälzer, „Extremisten“. Hitler war ein Mörder. Sein Buch ist die präzise Anleitung zum Handeln: „Was nicht gute Rasse ist auf dieser Welt, ist Spreu“ (Seite 324). Sein Buch ist der Ekelbrei eines nach Hose riechenden Maniaks, blutrünstig: „Hätte man zu Kriegsbeginn und während des Krieges einmal zwölf- oder fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber so unter Giftgas gehalten, wie Hunderttausende unserer allerbesten deutschen Arbeiter es im Felde erdulden mußten, dann wäre das Millionenopfer der Front nicht vergeblich gewesen“ (Seite 772). Sein Buch, 1925 erschienen, ruft nach Krieg: „Ein Bändnis, dessen Ziel nicht die Absicht zu einem Kriege umfaßt, ist sinn- und wertlos“ (Seite 749). Sein Buch ist wahngreifende Vorwegnahme der Katastrophe, der Millionen Toter, der Verwüstung in Ländern, Herzen und Hirnen.

Ein Dokument? Dafür gibt es Bibliotheken. Es ist nicht wahr, daß eine junge Generation den Nationalsozialismus ohne „Mein Kampf“-Lektüre nicht verstehen kann – es gibt genug Bücher, Filme, Theaterstücke. Auch Dokumentarisches, „O-Ton“. Es ist nicht wahr, daß eine inzwischen bewährte Demokratie auch dieses Gift verkraften kann – dieses ist nicht ein joint, die ist Polit-Heroin. Es ist nicht wahr, daß dies alles Geschichte sei, Hitlers Antisemiten-Porno ein Papier-Museum – das ist Gegenwart, noch immer. Die Opfer leben, „der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Gewiß, es ist schwierig zu bestimmen, präzise festzulegen, wo ist Geschichte Geschichte. In diesem Fall ist es eine Taktfrage, ein Stilproblem: Was in fünfzig Jahren vermutlich zu keiner Aufgeregtheit mehr führte, treibt jetzt noch das Blut ins Gesicht. Die Narben sind zu frisch, der Bazillus zu rege, die Ansteckungsgefahr zu akut. Wo ist die Grenze, wenn man „alles“ erlauben will. Dann also auch Göring vor Karinhall im Kinderparadies für die lieben Kleinen? Dann also auch Goebbels-Schallplatten bei Horten? Dann also auch Hakenkreuzkrawattennadeln? Dann also doch wieder „Die Fahne – hoch“, gesungen in Berlins Neo-Nazi-Kneipe „Café Vaterland“? Wo ist unsere Schamschwelle–unsere, der Liberalen? Man kann sich auch zu Tode liberalisieren, um Glaubwürdigkeit, Anstand, Würde bringen. „Alles geht“ – das endet rasch beim „Rien ne va plus“. Ich bin ein Gegner der Berufsverbote. Deshalb fordere ich: Berufsverbot für Adolf Hitler.