Bequeme Heilkuren durch unsere weltbekannten, nie versagenden Präparate lindern, Schmerzen, heilen und kräftigen. Dabei ist es nicht wichtig zu wissen, was Ihnen fehlt. Wenn sich die geringsten Beschwerden zeigen“, so tönt die Gebrauchsanleitung für ein vormals gängiges „Hausmittel“, dann „wird die Radiumkompresse aufgelegt“.

Eben diese aus Leinen oder Leder gefertigten „Radiumkissen“, von gewieften Vertretern als Einlegesohlen oder Pantoffeln einst sogar an Haustüren losgeschlagen und immer noch als Bandagen frei erhältlich, bereiten Hautärzten heute Kopfzerbrechen. Nach langjähriger Anwendung des mit sandiger Pechblende versetzten radioaktiven Radiumsulphats, dem eigentlichen Inhalt der Kissen, kommt es nicht selten zu Hautveränderungen in der Maske chronischer Ekzeme, die als Krebsvorläufer gelten. Der Obergang einer solchen Radiodermitis zu krebsartigen Veränderungen als dem Ausgangspunkt eines sogenannten invasiven Hautkrebses erfolgt, dem Erlanger Dermatologen Dr. R. Gräßel zufolge, weitgehend kontinuierlich“.

Etwa 40 000 derlei radiumhaltiger „Wärmepolster“ wurden nach Schätzungen des Bayerischen Landesamtes für Umweltschutz allein nach dem Zweiten Weltkrieg noch an arglose Abnehmer gebracht. Der eigentliche Verkaufsboom lag zwischen den Weltkriegen. Die Nachfrage freilich kam nicht von ungefähr. Ärztliche Expertisen attestierten dem Präparat in den dreißiger Jahren eine „absolut gefahrlose Anwendung“. Im Juni 1960 bereitete der Gesetzgeber dem ersprießlichen Vertrieb ein Ende. An der Wertschätzung des Hausmittels aber schien sich wenig zu ändern.

Kaum mehr als tausend der „weltbekannten Radiumkompressen“ sind, einer vagen Schätzung zufolge, bislang an die Gesundheitsämter der Bundesrepublik zurückgegeben und registriert worden. Dabei ist die Rückgabe keineswegs ins freie Ermessen der Benutzer gestellt. Die „Strahlenschutzverordnung“ von 1976 schreibt eine Rückgabe zwingend vor, die der Einfachheit halber unterdes auch bei allen Apotheken möglich ist.

Diese Gelegenheit sollte genutzt werden, Radiumpräparate können, wie schon die damalige Reklame ebenso unfreiwillig wie korrekt erkannte, in der Tat als „nie versagend“ gelten. Die Halbwertszeit des in der sogenannten „Schwachtherapie“ genutzten Isotops Radium-226 beträgt 1617 Jahre (in dieser Zeit zerfällt jeweils die Hälfte einer bestimmten Menge des strahlenden Elements). Die von Radium-226 abgegebene Alpha-Strahlung reicht zwar maximal nur zwei Zentimeter tief in das Körpergewebe hinein, wirkt jedoch außerordentlich ionisierend. Die Ionisation zelleigener Moleküle wiederum – die in Bruchteilen einer Sekunde einsetzende Aufnahme und Abgabe von Elektronen – kann zu mutagenen (erbschädigenden) oder kanzerogenen (krebsartigen) Veränderungen in der Molekularstruktur des genetischen Codes im Zellkern führen. Bei chronischer Einwirkung überfordern Strahlenschäden die Reparaturkapazitäten des Zellkerns – und lösen somit eine krebsige Entartung des Gewebes aus. Peter Jennrich