In der Radio City Music Hall, dem trotzig erhaltenen Symbol des Optimismus, donnert es allabendlich: I LOVE NEW YORK!

Genug davon, endlich genug von Mord- und Totschlag, von Räubern und Vergewaltigern, genug von verfallenden Häusern, von Banden, arbeitslosen Schwarzen, den Löchern in den Straßen von New York und vom dauernd (wenigstens ein bißchen) drohenden Bankrott der Stadt. Sie soll geliebt werden! Und also führt sie nun auf Plakaten, Prospekten, Knöpfen und einem Zeppelin den Optimismus spazieren: „I (Herzchen:) love New York“, ich hab’ dich gern, New York, alle sollen dich lieben, New York! Wenn dann in der Radio City Music Hall mit ihren fast sechseinhalbtausend Plätzen, dem eleganten Symbol harmloser Zukunftsseligkeit seit 47 Jahren, die Nischen links und rechts vor der gefräßigen Bühne sich öffnen und zwei weiß gekleidete Organisten alle Register ihrer chromblitzenden Formel-I-Orgeln ziehen, dann hat die klimatisierte Wirklichkeit der Show ihr Publikum schon gefangen. Vorhang hoch: New York spielt sich ein virtuos geträumtes New York vor. Titel der Werbeveranstaltung: „Ich liebe New York“.

Es ist eine Show mit allem Drum und Dran und Drunter und Drüber. Ein vollschlankes, resolutes Ehepaar aus der Provinz zieht den hanebüchen glatten roten Faden, unterstützt von der blonden Tochter und ihrem Freund. Sie spielen „zwei Tage New York“ und das so meisterlich sentimental, daß am Ende alle aufstehen und die Nationalhymne singen, möchten. Unser schönes Amerika! Unser heiteres New York!

Und wahrhaftig ist alles so, wie der Besucher aus der Alten Welt sich amerikanisches Showbusiness vorgestellt hat und wie er es nun mit großes Augen bestaunt: die Bilderbuchkulisse, in der es donnert und blitzt, Regen zu Schnee, die Bühne zur Spirale oder zur Eisenbahn wird und der Himmel das allerblaueste Blau anlegt; die Statisterie mit dem nettesten Polizisten auf einem richtigen Pferd und dem cleversten Taxifahrer mit dem gelbsten Auto; das Orchester, das aus der Tiefe aufsteigt, vom Leuchtstab des Dirigenten befeuert wird und alsbald über die Bühne schwimmt, kreist, untertaucht, weit hinten wieder auftaucht und in die Höhe schwebt; das Lichterspektakel, das noch die Tonnendecke des Saales illuminiert und den tanzenden Chor zwischen den Hochhauskulissen an den Seiten; die 36 Roquettes, die Beine werfenden, schlittschuhlaufenden, steppenden Tanzsoldatinnen mit Bärenfellmützen, Chevalliershelmen, Glitzerfräcken, Gladiatorenrüstungen, Sternenbanneranzügen. Ach, New York, so voller Tempo und Präzision, eine wunderbare Lüge.

Es gehörte zu den strategischen Bedingungen dieses Propagandafeldzuges, daß der Schauplatz, dieses „Heiligtum des musikalischen Theaters“, der größte, spektakulärste, schillerndste Unterhalhaltungstempel der Welt seinen abenteuerlichen Defiziten zum Trotz nicht geschlossen werden durfte. Alle waren dagegen, der Bürgermeister, der Gouverneur, die Finanzleute, die New Yorker. Irgendwie haben sie es dann gedreht, ohne erst (wie das Museum of Modern Art) den Luftraum über dem Saal für einen Wolkenkratzer zu verkaufen und sich von den Mieten zu sanieren. „Wer die Music Hall killt“, las ich, „killt den Traum.“ Ebenso könnte man, las ich auch, auf den Weihnachtsmann schießen, wer täte das schon. Und kurz vor der angekündigten Schließung voriges Jahr wurde der Art-Deco-Palast unter Denkmalschutz gestellt – eine schöne Erpressung.

Vielleicht muß man beizeiten den Mut zur Lüge haben und wie jemand handeln, der, um nicht zugrunde zu gehen, die elenden Umstände seines Daseins unbewußt umdeutet und als eigentlich gar nicht so übel zu empfinden beginnt. Und siehe, gleich fünf neue Wolkenkratzer entstehen auf einmal in New York, vierzig internationale Banken wagten die Bürgschaft für einen 600-Millionen-Kredit an die ramponierte Stadt, in den heruntergekommenen Stadtteilen wird jedes Zeichen einer inneren Erneuerung eilig wahrgenommen und laut gepriesen. Man möchte Schiller bemühen: „Es reden und träumen die Menschen von bessern künftigen Tagen, nach einem glücklichen goldenen Ziel sieht man sie rennen und jagen; New York wird alt und wird wieder jung, und der Mensch hofft immer auf Verbesserung ...“ Manfred Sack