Im achten Monat seiner Regierungskrise und zwei Monate nach den Neuwahlen scheint Italien mit dem Christdemokraten Filipo Pandolfi einen Regierungschef zu finden – wenigstens für befristete Zeit.

Bescheiden und doch anspruchsvoll genug (gemessen an Italiens Parteienstreit) empfiehlt sich Pandolfi für einen „Waffenstillstand“, eine „technische“ Pause, in der die politischen Lösungen der Probleme dadurch reifen sollen, daß man sie zunächst einmal liegen läßt.

Der 52jährige gehört jedenfalls nicht zu den verbrauchten Figuren der vielverlästerten „classe politica“ Italiens; man rühmt sein „neues Gesicht“, ein kluges und Sympathie erweckendes, bereits als Gewinn und seine „Farblosigkeit“ geradezu als Tugend. Gemeint ist, daß sich Pandolfi nie für die verschiedenen Fraktionen seiner Partei interessierte und schon gar nicht für ihre schillernden Spiele mit politischen Formeln. Er ist ein nüchterner, handfester Mann der Praxis, der sich als Schatzminister im Kabinett Andreotti zuletzt profiliert hatte mit einem nach ihm benannten Plan zur Sanierung der Wirtschaft.

Zu gut zum bloßen Lückenbüßer, den er jetzt spielen soll, aber zu schwach zum Weichensteller, der nötig wäre, ist Pandolfi jetzt das Symbol der tiefen Verlegenheit, in der Italiens Parteien allesamt stecken: Die Christdemokraten, weil sie ohne linke Verbündete mit ihrer relativen Mehrheit nichts anfangen können, mit den Kommunisten aber nicht wirklich paktieren wollen, es mit den Sozialisten jedoch nicht können; die Kommunisten, weil sie, auf halbem Wege zur Machtbeteiligung stehen geblieben, den Rückzug in die Opposition antreten mußten; die Sozialisten, weil sich ihr Traum, die entscheidende „dritte Kraft“ zu sein, immer mehr als Selbsttäuschung über ihren tatsächlichen Zustand entpuppt – nämlich eingeklemmt zu sein zwischen den beiden Großen und nach links wie rechts schielen zu müssen.

Zwei Wochen lang hatte der Sozialist Craxi versucht, die Christdemokraten zur Unterstützung seiner Kandidatur für das höchste Regierungsamt zu gewinnen und die Kommunisten zum wohlwollenden Stillhalten zu bewegen, Am 24. Juli war er gescheitert, nachdem der Parteivorstand der Democrazia Christiana seine politischen Zusicherungen für unzureichend befunden und selbst unzumutbare Garantien verlangt hatte. Unannehmbar sei Craxis Programm vor allem deshalb, weil sich in ihm „ein gewisser Typ von radikal-sozialistischer Argumentation“ und eine Tendenz widerspiegele, „die Democrazia Cristiana auf eine Randposition im politischen System Italiens zu reduzieren“ – so begründete der christdemokratische Parteichef Zaccagnini seine Absage an Craxi. Deutlicher noch sagte es Luigi Granelli von der christdemokratischen Linken: Eine enge Beziehung zu den Sozialisten sei zwar „wesentlich und bestimmend“, aber „die kommunistische Frage bleibt entscheidend für die Zukunft der italienischen Demokratie“.

Aronaldo Forlani, der bisherige Außenminister, war es, der als einziger im Parteivorstand offen gegen eine solche Bewertung der Lage und deshalb auch gegen die Absage an Craxi gestimmt hatte. Nicht weil Forlani sozialistische oder überhaupt linke Neigungen hätte, sondern weil er – und mit ihm der rechte Flügel der Christdemokraten – gehofft hatte, Craxi werde sich weiter nach rechts, ja vielleicht zurück zur „linken Mitte“, der Koalition der 60er Jahre, ziehen lassen, wenn man ihn mit dem Posten des Regierungschefs locke.

So aussichtslos diese Spekulation sein mußte, so sehr qualifizierte sich mit ihr Forlani als der Mann, der auch nach dem Scheitern der Kandidatur Craxis die Sozialisten aus ihrem Schmollwinkel wieder hervorholen konnte. Dennoch zögerte Forlani, als ihn der Staatspräsident am 26. Juli zu einem solchen Versuch aufforderte. Würden es ihm seine Parteifreunde nicht verübeln, wenn er, der gerade als einziger gegen sie gestimmt hatte, nun eben deshalb Ministerpräsident werden könnte? Keineswegs; paradoxerweise beschworen sie Forlani geradezu, den Auftrag anzunehmen. Und dieses eifrige Zureden wiederum ließ Forlani noch vorsichtiger werden. Wollte man ihn nur als Lockvogel für die Sozialisten gebrauchen und so zugleich aus der Parteiführung entfernen? Dieser Verdacht war es, der Forlani dann doch bewog, eine Kandidatur abzulehnen und sich aufzusparen für den Parteikongreß im Herbst, auf dem er die Generallinie der Democrazia dem stiana zur Debatte stellen und sich selbst als Alternative zu Zaccagnini präsentieren will.

Ob bis dahin die „technische“ Zwischenlösung einer Regierung Pandolfi funktionieren wird, die jetzt als letzter Ausweg aus der Sackgasse der italienischen Dauerkrise gesucht wird, bleibt offen. Die kleinen Parteien, Sozialdemokraten, Republikaner und vielleicht auch Liberale, machen zwar mit. Doch auch Pandolfi braucht, um halbwegs regierungsfähig zu werden, mindestens die Stimmenthaltung der Sozialisten Craxis. Der sozialistische Parteichef jedoch wollte Anfang der Woche darüber mit Pandolfi nicht einmal verhandeln, sondern bis zur Parlamentsdebatte über die Regierungserklärung alles im Ungewissen lassen. Als ob sich mit derlei Winkelzügen noch politisches Kapital oder gar Vertrauen beim tief verdrossenen Wählervolk Italiens gewinnen ließe. Hansjakob Stehle (Rom)