München: „Körper – Zeichen“

Manch ein Besucher fühlt sich irritiert. Denn die ausgestellten Goldschmiedearbeiten entsprechen kaum oder gar nicht dem in den Schaufenstern von Juweliergeschäften ausliegenden Schmuck. Es sind keine hochkarätigen Steine zu bewundern und auch nicht elegante Fassungen. Die verwendeten Materalien sind nicht entscheidend, sondern die Art und Weise, wie einer damit umgeht – die Schmuckgegenstände, die Hermann Jünger, der Leiter der Goldschmiedeklasse an der Münchner Akademie, und einige seiner ehemaligen oder gegenwärtigen Schüler schaffen, erheben den Anspruch, Kunstwerke zu sein. Materialgerechte Behandlung der Werkstoffe, es muß nicht Gold, es kann auch Garn sein, und gestalterische Phantasie sind allen gemeinsame Voraussetzungen, Gegenstände herzustellen. Die unter Verzicht auf traditionelle Formen ohne das Hinüberschielen zur Malerei oder Plastik Kunstwerke und Schmuckstücke zugleich sind, ist das gemeinsame Ziel. Die Objekte sind autonom, aber nicht zweckfrei. Ihre Funktion setzt der Gestaltungsfreiheit Grenzen. Otto Künzlis stereometrische Gebilde – Zylinderstumpf, Kugel, Kegel –, die nicht auf, sondern vor dem Körper getragen werden, und Annette Rössles klassisch strenge Armreife sind Schmuck als Zeichen. Die Broschen von Therese Hilbert, Gabriele von Pechmann und Jan Wehrens, die durch malerische Oberflächenbehandlung eine bildhafte Wirkung erzielen, sind Schmuck als Ornament. Zwischen den beiden Positionen bleibt Spielraum für allerlei Experimente, von Daniel Krugers gestrickten Alraunen-Amuletten über Tabea Wimmers Halsreifen aus miteinander verwobenen Gold- und Silberfäden bis hin zu dem goldenen Halsschmuck von Rita Große-Ruyken, eine am Körper zu tragende Plastik. Der individuell gestaltete Schmuck rechnet gelegentlich auch mit der Phantasie des Benutzers. Der Halsschmuck, den Hermann Jünger entwirft, ist variabel, man kann an den Halsreif ein Schmuckelement hängen oder mehrere (jedes ist anders gearbeitet). Gabriele Dziuba stellt dem Träger eine Reihe von Goldplättchen zur Verfügung, die er nach Belieben anordnen kann. Die Arbeiten der Japanerin Eriko Nagai – ihre Schmuckstücke sind Teil des Gewandes – verdeutlichen eine Gegenposition: der künstlerisch gestaltete Gegenstand ist hier in die Umgebung eingebettet, behauptet sich nicht, wie bei den anderen, als selbständige Form. (Städtische Galerie im Lenbachhaus bis zum 15. August, Katalog 10 Mark)

Helmut Schneider