Von Volker Mauersberger

Madrid, Ende Juli

Als sich der silberhaarige, trotz lastender Sommerschwüle in korrektes Grau gekleidete Pierno Galvan endlich durch das Gewühl des Vorplatzes in die Halle der Bahnstation Atocha vorgearbeitet hat, entfährt ihm der Satz: „Jetzt ist eingetreten, was wir befürchtet haben.“ Dem Bürgermeister von Madrid, der knapp eine Stunde zuvor durch eine Alarmmeldung des Zivilgouverneurs in seiner Sonntagsruhe aufgeschreckt worden ist, bietet sich ein Bild der Zerstörung: Die Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs ist durch die Detonation einer Bombe derart zerfetzt, daß man durch einen Krater in der Decke das Mobiliar der darüberliegenden Büroräume sehen kann. Vom Fahrkartenschalter unweit daneben, an dem bis vor wenigen Minuten Schlafwagenbillets für die Nachtzüge in den Süden gekauft werden konnten, sind nur noch Holz- und Eisentrümmer geblieben. Noch hundert Meter vom Explosionsort entfernt sind die Scheiben der Eingangstüren geborsten. Augenzeugen berichten, der Detonationsdruck sei so stark gewesen, daß er die vor dem Schalter wartenden Reisenden meterweit durch die Luft geschleudert habe. Zwei Personen wurden auf der Stelle getötet, fünfzig, zum Teil schwer verletzte Passanten wurden von der Unglücksstelle Atocha in die Krankenhäuser transportiert.

Stunden später legt sich das Sirenengeheul in der an diesem Sonntagvormittag fast menschenleeren, auf Urlaub gestimmten Hauptstadt Madrid. Endlich kann die schreckliche Bilanz gezogen werden: Nicht nur am Stadtbahnhof Atocha, sondern auch im nördlich gelegenen Bahnhof Chamartin und in der Abfertigungshalle des Flughafens Barrajas sind Bomben explodiert. Sie haben fünf Menschen getötet und über hundert Reisenden, von denen die meisten in Urlaub fahren wollten, schwere Verletzungen zugefügt.

„Dies ist ein wilder Anschlag auf das friedliche Zusammenleben unserer Bevölkerung“, sagt Zivilgouverneur Juan José Rosón, als er die Verletzten in den Krankenhäusern besucht. Verglichen mit den Äußerungen auf der Straße ist es ein milder Ausdruck der Verbitterung, mit der ganz Spanien auf diese Attentatswelle reagiert.

Zur verhaltenen Wut der Offiziellen und Empörung der Bevölkerung über das Massaker dieses Wochenendes, dem wieder einmal Umschuldige zum Opfer fielen, gesellt sich einen Tag später noch eine Konfusion, die in aller Deutlichkeit jene Hilflosigkeit offenbart, die bei der Bekämpfung des Terrorismus in Spanien immer spürbarer wird. Zwar lassen es die verantwortlichen Politiker an Verdammungsurteilen nicht fehlen; Regierungschef Adolfo Suárez beeilt sich, in einer rasch herausgegebenen Erklärung die „Demaskierung“ der Terroristen und eine klare Absage an jegliche „scheinheilige Haltung“ zu fordern.

Doch die allgemeine Ratlosigkeit drückt sich am besten in der Schlagzeile der linksliberalen Zeitung Diario 16 aus, die ihre Leser verbittert fragt: „Wer gehört nun eigentlich zu wem?“ Als sei einer allmächtigen, unbesiegbaren Hydra ein neuer Kopf gewachsen, konzentriert sich das Rätselraten auf die Frage, ob die baskische Separatistenorganisation ETA nicht nur einen gewalttätigen „militärischen“ Flügel, sondern plötzlich auch einen zweiten „politisch-militärischen“ Arm besitzt, der zur allgemeinen Überraschung die Attentate für sich reklamierte.