Homer unter den „100 Büchern der Weltliteratur“ zu finden, kann nicht verwundern: ist er doch – wenn man von einem Manne Homer überhaupt sprechen darf – der erste Dichter, ja die erste faßbare Künstlerpersönlichkeit des Abendlandes. Aber, so wird man fragen: warum die „Odyssee“? Gibt es da nicht noch die „Ilias“, das ältere, das eigentlich erste Dichtwerk unserer Kultur?

Nun, Odysseus ist zu sehr Mensch (fast möchte man sagen, des zwanzigsten Jahrhunderts: man sehe doch James Joyce!), als daß man an der Erzählung seines Schicksals vorbeigehen könnte. Und Erzählung, das heißt eben zur Zeit der Entstehung der Odyssee, im späten achten Jahrhundert vor Christi Geburt, allemal Epos, abgefaßt in gebundener Sprache, im ungemein modulationsfähigen Hexameter.

Es herrscht ein moderner Sinn in diesem Dichtwerk, das ist unverkennbar, und es werden – am konkreten Beispiel – allgemein-menschliche Probleme abgehandelt: Der Sohn, schon erwachsen, doch noch sehr jung, der handeln muß und mit dem Problem zu kämpfen hat, daß seine Mutter sich an Unmögliches klammert. Denn Telemach erkennt, daß alles schlecht laufen wird: nicht nur schwinden die Güter der Familie dahin, buchstäblich aufgefressen von der Schar der Freier, sondern auch politisch ist die Situation – der Staat ohne eigentlichen Herrscher – nicht mehr haltbar Und der Sohn beginnt zu handeln: Ohne seine starrsinnige Mutter zu verständigen, begibt er sich auf die Suche nach Auskunft über das Schicksal des Vaters. Natürlich, eine Kon-Session müssen wir an die geistige Welt des Epos machen: Sein Beschluß wird bestärkt durch göttliches Wohlwollen. Die Schutzherrin seines Vaters, Athene, ist es, die auf Befehl des Göttervaters Zeus dem jungen Mann bei seinen Reisevorbereitungen (Beschaffung eines Schiffes, Ausstattung mit Mannschaft und Verpflegung) behilflich ist, ebenso wie sie ihn in seinem Widerstand gegen die schamlosen Freier stärkt.

Wir berühren damit einen der prächtigsten Züge der Dichtung: jenes Agieren mit der Absicherung der Götter im Hintergrund, jenes Agieren in einer Zwischenwelt gewissermaßen, in welcher der Mensch zwar auf sich gestellt ist, seine Handlungen zu verantworten hat, aber auf der anderen Seite auch immer die Hilfe der Götter in seine Pläne bis zu einem gewissen Grad einbeziehen kann. Wem ein Gott zur Seite steht, dem leistet er auch konsequent Hilfe, wen ein Gott haßt, den verfolgt er unbarmherzig: so Odysseus, der sich den Zorn des Poseidon zugezogen hatte, als er dessen Sohn, den Kyklopen Polyphem blendete. Poseidon rächt sich mit seinen Mitteln: Als Gott des Meeres kann er den zur See fahrenden Heimkehrer aus Troja unschwer quälen und sogar scheitern lassen. Athene hingegen liebt den Listenreichen, in dem sie etwas von ihrem eigenen Wesen wiederzufinden glaubt, und so steht sie ihm und seiner Familie nach Kräften bei. Sinnfälligen Ausdruck findet dies, wenn die Göttin und der Mensch einträchtig unter einem Ölbaum am Strand von Ithaka sitzen und gemeinsam das klügste Vorgehen des endlich Heimgekehrten beratschlagen.

Vier Frauen bestimmen das Leben des Odysseus: Seine Gattin Penelope, die sprichwörtlich treue, die zwanzig Jahre auf seine Rückkehr wartet; Kirke, die Zauberin, die ihn wie alle anderen zu „becircen“ versucht, deren wilden Sinn er durch intellektuelle Überlegenheit und Charme überwindet: ohne Klagen läßt sie ihn nach einem Jahr ziehen; Kalypso, die Nymphe, die leidenschaftlich Liebende, die ihn acht Jahre auf ihrer Insel zurückhält, ihn unsterblich machen möchte, ihn letztlich aber, beeindruckt von seiner Sehnsucht nach einer alternden Sterblichen, freigibt; und schließlich Nausikaa, die den Schiffbrüchigen auf der Insel der Phaiaken aufnimmt, ein sehr junges, zurückhaltend liebendes Mädchen, deren Zuneigung zu dem um vieles älteren Mann aufrichtig und doch von allem Anfang an aussichtslos ist.

Für den Dichter erfüllt die Phaiaken-Insel noch eine weitere, eminent wichtige Funktion: Hier findet nach den mühseligen Irrfahrten de facto der Eintritt des Helden in die reale Welt statt, und hier, im Kreise der Königsfamilie, erzählt Odysseus von seinen unglaublichen Abenteuern: Von der Überlistung des einäugigen Polyphem, der Verwandlung seiner Freunde in Schweine durch Kirke, der Fahrt in die Unterwelt, wo er seiner verstorbenen Mutter begegnete und ihm der Seher Teiresias sein weiteres Schicksal vorhersagte, von dem Verlust der Gefährten durch die Ungeheuer Skylla und Charybdis und dem Frevel seiner letzten Begleiter gegenüber Helios, der sie das Leben kostete.

Der wechselvolle, durch Vor- und Rückgriffe gekennzeichnete Charakter der ersten Hälfte der Odyssee ändert sich schlagartig mit der Ankunft des Helden in seiner Heimat. Stetig, in natürlicher zeitlicher Abfolge bewegt sich die Handlung jetzt über verschiedene Stationen auf den Höhepunkt zu: den Freiermord, die grausame Bestrafung der Frevler und die Wiedereinsetzung des Heimgekehrten in seine Rechte, zuletzt die Wiedervereinigung mit seiner Gattin, Penelope.