Es gibt eine Reihe angenehmer Dinge, die den Franzosen so heilig sind, daß sie daran nicht rühren lassen. Der halbe Liter Rotwein zum Essen etwa, die Partie. Boule nach Feierabend, das Wochenendhäuschen, das eigene Auto – und nicht zuletzt die Ferien. Spätestens Ende Juli bricht im ganzen Land ein Fieber aus, als ob die große Mobilmachung bevorstünde. Dann packt die ganze Nation die Koffer und verwandelt Bahnhöfe, Straßen und Flugplätze schlagartig in Massenumschlagsplätze für Urlauber – und das alle Jahre wieder.

Man muß schon Franzose sein, um diesen eigenartigen Trieb zu verstehen. Schließlich machen die Schulen ihre Tore für nicht weniger als zweieinhalb Monate dicht, an den Stränden ist schon im Juni Badezeit, die ausländischen Besucher haben den Spätsommer entdeckt. Doch in französischen Köpfen läuft ein seltsamer Countdown ab: Wer sich nicht im August seine Urlaubsbräune holt, hat einen entscheidenden Termin verpaßt. Die Vorstellung, schon im Juni oder erst im September sich auf den Weg zu machen, gilt als geradezu unsoziale Zumutung,

Natürlich gibt es ein paar nüchterne Köpfe (die Franzosen würden sagen: Technokraten), denen der alljährliche Massenexodus aus den Städten nicht als gottgewollte Notwendigkeit erscheint. Und eben diese Technokraten schlagen Jahr für Jahr vor, man könnte doch (ähnlich wie in der Bundesrepublik) versuchen, den Aufbruch der Massen zu kanalisieren, das heißt den Ferienbeginn im Lande zu entzerren.

An guten Argumenten fehlt es ihnen nicht. Sie rechnen zum Beispiel vor, daß die Konzentration der Ferien ihre Volkswirtschaft nicht weniger als 65 Milliarden Francs kostet. Die Produktion geht nämlich im Juli und August um 70 Prozent zurück – gegenüber 45 Prozent in der Bundesrepublik. Viele Unternehmen machen geschlossen Betriebsferien, möglichst am gleichen Tag.

Auch das müßte eigentlich zu denken geben: Auf den verstopften Straßen Frankreichs gehen mit dem Ferienbeginn elf Millionen Stunden verloren, damit werden 38 000 Tonnen Benzin vergeudet. Die Autofahrer schimpfen zwar über die endlos langen Schlangen auf Autobahnen und Landstraßen, doch wenn sie am Urlaubsziel angekommen sind, ist alles vergessen. Und wer hört schon auf die Klagen der Eisenbahn? Sie muß immerhin tausend Waggons ausschließlich für eine Handvoll Ferientage bereithalten, was sie die Kleinigkeit von einer Milliarde Francs kostet.

Mindestens ein Dutzend gelehrter Berichte über das Thema „Entzerrung der Ferien“ wurde in den letzten Jahren unters Volk gebracht. Die Ökonomen werden nicht müde, auf die viel zu kurze Nutzung der kostspieligen Investitionen in den Ferienzentren hinzuweisen. Sie sind Prediger in der Wüste geblieben, deren gute Worte nicht einmal zu guten Vorsätzen geführt haben.

Allerdings: In diesem Sommer passierte wirklich etwas Neues. Das Pariser Unterrichtsministerium gab nämlich schon jetzt die Daten für die großen Ferien 1980 bekannt – mit der fast revolutionären Umwälzung, daß ihr Beginn in fünf verschiedenen Regionen um insgesamt vierzehn Tage auseinandergelegt wurde. Die Reaktion ließ nicht auf sich warten: Vor allem die Lehrergewerkschaften liefen Sturm gegen die Pläne, zu denen man sie nicht einmal konsultiert hatte.