Selten hat die IG Metall so viel Lob einheimsen können wie in diesen Tagen: Politiker, Kommentatoren, selbst Arbeitgebervertreter zollten dem Vorstand Anerkennung für die Entscheidung, den Tarifvertrag über betriebliche Sonderzahlungen nicht zu kündigen.

Nur die betroffenen Antragssteller, die badenwürttembergischen Metaller, fielen in diesen Chor der Zustimmung nicht ein. Ihnen schien der Beschluß gar nicht so weise. Im Ländle nämlich gärt es; und die Kündigung dieses Tarifvertrages hätte, so hofften die Funktionäre im Südwesten, den Unmut in geordnete Bahnen lenken können.

Gerade zehn Jahre ist es her, als in der Bundesrepublik zum erstenmal Arbeitnehmer ohne ihre Gewerkschaften, ja gegen deren Willen, auf die Straße gingen, um einen Lohnnachschlag durchzusetzen. Und noch einmal, 1973, glitt den Arbeitnehmerorganisationen ein Teil der Mitgliedschaft aus der Hand.

Niemand will diese Situationen ein drittes Mal erleben, weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeber. Dieter Kirchner vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall signalisierte denn auch die Bereitschaft, über den Tarifvertrag für betriebliche Sonderzahlungen Gespräche aufzunehmen. Doch die Gewerkschaftsspitze wollte diesen Weg nicht gehen.

Ganz einleuchtend sind ihre Gründe dafür nicht: Gewiß, die Stahlarbeiter, wie früher auch diesmal wieder die ersten, die Forderungen nach einem Lohnnachschlag stellten, hätten einen entsprechenden Vertrag nicht kündigen können. Und in den Stahlbetrieben ist die Enttäuschung über das Ergebnis des letzten Streiks sowieso noch nicht völlig überwunden. Doch ganz gewiß ließe sich aus diesem Dilemma ein Ausweg finden, vielleicht sogar gemeinsam mit den Arbeitgebern.

Auch das Argument, in vielen Betrieben würde sowieso schon mehr gezahlt, als im Tarifvertrag vereinbart, überzeugt nicht. Dies jedenfalls ist Praxis auch bei allen anderen Tarifverträgen, bei denen es um Geld geht. Denn Firmen, denen es gut geht, zahlen ihren Arbeitnehmern meist etwas drauf. Und diese Tatsache hält die IG Metall schließlich nie davon ab, Verhandlungen zu führen.

Plausibler scheint dagegen ein Grund, der in der offiziellen Verlautbarung der IG Metall nicht zu lesen war. Das Vorpreschen der Baden-Württemberger und ihres Bezirksleiters Franz Steinkühler, die entgegen aller internen Absprachen mit diesem Antrag den Vorstand in arge Bedrängnis gebracht haben, sollte nicht auch noch den offiziellen Segen der Organisation bekommen. Aus organisationspolitischen Gründen ist das Nein aus Frankfurt also verständlich. So schwerwiegende Entscheidungen kann ein Vorstand nicht einem einzelnen Bezirk überlassen, und er kann sich auch nicht von einem Bezirk in eine Zwangslage bringen lassen.