Viel zu bewundern und wenig zu schelten gibt es an dieser neuen, am Wochenende in Salzburg herausgebrachten, auch von Skeptikern bejubelten „Ariadne“-Produktion. Große Linie hatte die Aufführung, sie frappierte durch manche, so noch nie aufgespürte Einzelheit, und dennoch: Wenn ich am Tage danach auf den Abend zurückblicke, habe ich zunächst einmal ein Bild vor Augen. Eine Konfrontation von Farben glänzt in meiner Erinnerung auf ... ein stumpfes Braun für das Vorspiel, festliches Weiß und Blau für die eigentliche Oper. Die so kühne wie einleuchtende symbolische, nie sich herankrampfende Vision setzt die gesellschaftliche Wirklichkeit gegen das Ideal der Kunst, die Welt der Bediensteten gegen den Glanz der Herrschaft, den Alltag gegen den Traum. Schön war das, und nicht zuletzt deshalb, weil man hier einmal erleben durfte, wie die Intelligenz von Theaterleuten nicht in eitel-spekulative Düsternisse führt. Sie kann auch klären, dem Werk auf neue, aber getreue Art dienen.

Von Takt zu Takt ist zu spüren, mit welcher Sorgfalt das Triumvirat der Verantwortlichen – Karl Böhm am Dirigentenpult, Dieter Dorn als Regisseur und der Bühnenbildner Jürgen Rose – hier ans Werk gegangen sind.

Zum zweitenmal zieht es den Sprechtheatermann Dorn auf die Opernbühne, und wer, etwa als Besucher der Münchner Kammerspiele, Arbeiten des Regisseurs gesehen hat, wird kaum erstaunt sein, wenn er nun in der „Ariadne“ nicht wie üblich dies Ineinander von krauser Mythologie, neckischem Schäferspiel und ein paar desillusionierenden Momenten sieht. Als artifizielle Stilkopie für ein paar schlemmende Kenner, scheint man sich gesagt zu haben, ist das Stück heute nicht mehr reinen Gewissens auf die Bretter zu hieven.

So tritt Hofmannsthals Idee, ja, vergangenheitstrunkene Idiosynkrasie von einem, die Zeiten wie die Länder überwölbenden österreichischen Barock in den Hintergrund. So gilt dem gebildeten Gegenüber vom hohen Ton der französischen Tragödie und den Späßchen der italienischen comedia del arte, von opera seria und opera buffa nicht mehr das Hauptinteresse. Ein Auge von heute ruht auf den Vorgängen, wobei die Hand von heute keineswegs selbstherrlich den Kern des Werkes zersäbelt. Die Gewichte werden neu gesetzt, liegen jetzt sehr viel stärker als sonst auf dem Vorspiel, fördern die Frage ans Rampenlicht: „Wie ergeht es dem Künstler in der Gesellschaft?“

Um es ganz klar in die Bühnenerscheinung treten lassen zu können, haben Dorn und Rose das Stück in einer anderen, in einer moderneren Epoche angesiedelt: in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. „Danach“, hatte mir Dorn kurz vor der Premiere erzählt, „wäre es ja auch gar nicht mehr möglich gewesen, daß ein reicher Herr sich in seinem Palais eine Oper aufführen läßt. Die Oper spielt jetzt in der Zeit ihrer Entstehung, in den Tagen von Strauss und Hofmannsthal selbst... So nehme ich der Sache jeden Anflug von ‚Romantik hinter den Kulissen‘.“

Auf strengsten, dabei liebevoll ausgefeilten Realismus fällt denn auch das Auge, sobald sich der Vorhang öffnet. Wir befinden uns in irgendeinem Durchgangszimmer zwischen der Küche und den Räumen der Herrschaft. Hier, in ein paar Vorratskammern, ist ein Aufenthaltsraum für die Künstler improvisiert. Wer so untergebracht ist, gehört immerhin noch zur gehobenen Künstlerkaste, ist Tenor oder Primadonna. Zerbinetta und die vier lustigen Personen jedoch müssen ihre geflochtenen Kostüm-und Requisitenkoffer irgendwo in der Mitte des zugigen Raumes abstellen. Eine Flügeltür im Hintergrund trennt das Kabuff vom Salon.

Manchmal öffnet sie sich, und fast schmerzlich für das geblendete Auge schimmert ein Abglanz des Oberen ins Untere, fällt eine Ahnung des Kommenden ins Jetzt. Einmal wagen sich sogar Mitglieder der feinen Gesellschaft an diese Grenze zwischen Hell und Dunkel. Zwei Damen in Abendroben und ein Herr im Frack treten neugierig näher, pirschen sich, wohl angelockt von den Wonnen der Gewöhnlichkeit, bis an die Schwelle, kehren dann aber schnell wieder um, befremdet.