NDR III, WDR III, Hessen III, Freitag, 3. August, und Freitag, 17. August, jeweils 21.55 Uhr: „Poesie der Provinz – Gedichte und Lieder im Dialekt“

Im Fernsehen haben die das Sagen, die nichts zu sagen haben: die gelackten Showmaster, die eloquenten Moderatoren, die Meinungsmacher ohne Meinung. Und natürlich die Politiker – deren Gier, ständig im Fernsehen präsent zu sein, in einem gewissen paradoxen Widerspruch steht zu ihrer Leidenschaft, dann vor den Kameras lieber doch nichts zu sagen, denn dies ist nicht die Stunde, Herr Nowottny...

Und so wird man, weiter bis in alle Ewigkeit, die politischen Beobachter zitieren und wird den Kanzler im Vorfeld des Parteitages fragen, ob er davon ausgehe, daß die Kernenergie weiterhin unverzichtbar bleibe: Nirgendwo in Deutschland wird die deutsche Sprache so ausdauernd und systematisch mißhandelt wie im deutschen Fernsehen, in beiden Programmen. Fernsehen, außer in seinen Glücksstunden, ist so geschwätzig wie sprachlos – und sprachlos macht es die, die seine Botschaft empfangen; der Apparat redet, die Fernsehfamilie schweigt.

„Reiß dein Maul auf!“, sagt der Dichter Oswald Andrae aus Jever in Friesland – und diesen Satz könnte man auch als einen Protest gegen die Schönrednerei und Nichtssagerei, die Ausgewogenheitsprosa in allen Fernsehkanälen verstehen. Reiß dein Maul auf: das könnte das Motto sein für die zweiteilige, über dreistündige Sendung „Poesie der Provinz“, in der Andrae und siebzehn Schriftsteller-Kollegen „Gedichte und Lieder im Dialekt“ vortragen. Glücksstunden des Fernsehens insofern, als im sonst meist sprachlosen Medium endlich einmal Sprache, nur Sprache das Thema ist. Anti-Fernsehen geradezu: eine Dichterlesung mit musikalischen Einlagen, bieder abgefilmt, keine „Regie“, keine Show, keine Talkshow. Achtzehn Mundartpoeten, von Wilfried F. Schoeller intelligent und doch ganz unangestrengt präsentiert: Mit Ludwig Hang (wirklich die fleischgewordene saarländische Freude) fängt es an, mit Hanns Meilhamer, einem Bayern, hört es auf. Störend nur, das allerdings sehr: die vielen hundert Zwischenschnitte mit lachendem, klatschendem Publikum im Parkett; eine Technik, beim Beruferaten bestens bewährt, beim Dichterlesen läppisch unangemessen. Die Zuschauer: unfreiwillige, unbezahlt mißhandelte Statisten an diesen beiden Abenden – sie dürfen ihr Maul nicht aufreißen vor der Kamera, sie dürfen nur telegen die Zähne zeigen.

Provinzdichtung kann alles mögliche sein, artistisch oder politisch, gemütvoll oder ungemütlich, wütend oder übermütig, subversiv oder konservativ. Am wenigsten ist sie: provinziell. Die Poesie der Provinz ist nicht die Provinz der Poesie.

Sehr schön hat es gerade Martin Walser formuliert: „Es gibt überhaupt keine andere Literatur als die Regionalliteratur. Auch Literatur, die in Manhattan geschrieben wird, ist Regionalliteratur. Ganz sicher kann man sagen: Bevor etwas Weltliteratur werden kann, muß es zuerst einmal Regionalliteratur sein.“

Heimatdichtung kann auch Dichtung gegen die Heimat sein. „Ich habe keine Heimat, meine Heimat ist die Welt“, sagt H. C. Artmann. Und: „Seit 18 Jahren bin ich weg von Wien, Gott sei Dank, ich mag die Stadt nicht.“ Artmann ist das misanthropische Extrem der Sendung, das philanthropische ist Ludwig Harig, der allen Ernstes (und deshalb sehr erheiternd) das Saarländische zur „Sprache der Zukunft“ erklärt, denn „die saarländische Syntax ist utopische Syntax“. Noch zwei Superlative: der genialste Vortragskünstler ist Ernst Jandl („Das Röcheln der Mona Lisa“), und die schönste Antwort gibt Eugen Oker aus der Oberpfalz. Von Schoeller gefragt, was man denn mit dem Oberpfälzischen im Gegensatz etwa zum Oberbayerischen ausdrücken könne, sagt er nur: „Mehr!“

Benjamin Henrichs