Die diesjährige Entscheidung für die Preisträger des höchst dotierten und vom Buchhandel meist beachteten Jugendbuchpreises in der Bundesrepublik begann mit einem Eklat. Obgleich die Mitglieder der für den Sonderpreis zuständigen Jury einstimmig den politischen Jugendroman „Stern ohne Himmel“ von Leonie Ossowski zur Auszeichnung vorgeschlagen hatten, setzte sich die Hauptjury selbstherrlich über diese Urteilsfindung hinweg und prämierte statt dessen eine von Rosemarie Wildermuth herausgegebene Textsammlung „Heute – und die 30 Jahre davor“. Gegen die Willkür der Hauptjury und die damit verbundene Desavouierung der Arbeit von elf Juroren legten die betroffenen Mitglieder Protest ein. Verärgert sind nicht nur sie. Peter Härtling nannte dieses Verfahren eine „unglaubliche Entmündigung der Sonderjury“. Auch dem inzwischen informierten Bundesministerium, (das 1979 zum 23. Mal die begehrte Auszeichnung an Kinder- und Jugendbuchautoren vergibt), kann an der peinlichen Diskussion um demokratische Spielregeln bei der Findung für den einzigen literarischen Staatspreis im Lande unmöglich gelegen sein.

Der Wildermuth-Sammelband, so argumentiert die überrumpelte Sonderjury, wende sich vornehmlich an bildungspriviligierte jugendliche Leser aus dem Gymnasialbereich und an Erwachsene, während Ossowskis Roman auch und gerade jene Leserschichten erreichen könne, die für politische Aufklärung und Informationen zum Thema Faschismus schwer oder gar nicht zu interessieren seien.

Der Deutsche Jugendbuchpreis, seit 1956 jährlich vergeben, dem in den vergangenen Jahren verstärkt der Vorwurf gemacht wurde, daß er rückwärts sanktioniere, statt Neues zu fördern, der sich immer wieder – Experimente scheuend – ängstlich aufs „Bewährte“ zurückzöge, leistet in der Tat für Innovationen auf dem Kinderbuchmarkt wenig. Von einigen Glücksfällen abgesehen wird Autoren offizielle Anerkennung erst dann zuteil, wenn sie sich aus eigener Kraft bei Kritikern und Käufern „durchgesetzt“ haben. Jüngstes Beispiel: Fast zwanzig Jahre nachdem Janoschs erstes Bilderbuch erschienen ist, erhält einer der einfallsreichsten und produktivsten Kinderbuchmacher im Land nun den Deutschen Jugendbuchpreis. (Und das nicht etwa für seine Prachtsammlung von Reimen, Hosentaschen-Geschichten und Moritaten „Die Maus hat rote Strümpfe an“, sondern für das sehr liebenswerte, aber weitaus bescheidenere Bilderbuch „Oh, wie schön ist Panama“). Ein junges Talent wie Tatjana Hauptmann darf diesen Zeitläuften entsprechend erste Aufmerksamkeit der Preisrichter und eine Chance für die Auszeichnung im Jahre 2000 erhoffen.

Geheimnisvoll muten den interessierten Laien auch die Auswahlkriterien der Jury an. Von 1956 bis 1979 findet sich in der Liste der Preiswürdigen nicht ein einziges Mal der Name Tomi Ungerer. Wohl aber ein so belangloser Titel wie „Der große Rutsch von R. und C. Smith. Bei diesem Bilderbuch geht es um pedantisch gestrichelte Plüschtierphantasien von Schani, Koko und Teddi, drei Abenteurern aus der Spielzeugschachtel, deren offenbar als pädagogisch besonders wertvoll eingestufte Umwelterkundung sich zwischen Himmelsleiter, Hexengeistern und Überschallknall im Luftraum vollzieht. Diesem angestrengt inszenierten Vergnügen, das auf einer hellgrünen Schäfchenwiese Teddyglück und Happy-End verheißt, bescheinigte die Jury 1978 „dramatische Abfolge“.

Für das Jahr 1979 haben die vom Arbeitskreis für Jugendliteratur einberufenen Juroren unter 593 eingereichten Büchern fünf Preisträger ausgemacht. (Siehe Kasten!) 527 der eingereichten Bücher kamen aus Verlagen in der Bundesrepublik, 33 aus der Schweiz, 32 aus Österreich, und 1 Buch aus Rumänien. In die Auswahlliste, eine ergänzende Empfehlurigsliste bemerkenswerter Titel, wurden 106 Bücher aufgenommen.

Der kleine Aufkleber „Deutscher Jugendbuchpreis“ bedeutet für den Autor werbewirksame Anerkennung und 7500 DM Prämie, für den Verlag ist er zum liebsten Werbeargument und Gütesiegel geworden und dem Publikum „nimmt er sozusagen die Entscheidung über gut und weniger gut ab“. (So Verlegerin Christa Spangenberg in einem Interview zum Jugendbuchpreis 1979).

Indessen hat das Unbehagen an einem Staatspreis, der sich an tradierte Normen klammert, statt neue Maßstäbe zu setzen, dessen Findungsmechanismen undurchsichtig und schwerfällig sind und dessen Zielsetzung „die Qualitätssteigerung von Jugendliteratur“ sein soll – so Bundesministerin Antje Huber – doch Initiativen hervorgebracht. Der Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis und der Rote Elefant sind alternative Preise, die sich der ursprünglichen Idee, junge unbekannte Autoren zu fördern, zugewandt haben. Ein langjähriger Kenner der Kinderbuchszene, Winfred Kaminski, Mitarbeiter des Instituts für Jugendbuchforschung der Frankfurter Universität, nennt das Elend des Deutschen Jugendbuchpreises auch und gerade das Elend der Jugendliteratur-Kritik. Ein Blick in die Zeitungen bestätigt das. Außer in Fachzeitungen wird die Entscheidung des Jugendbuchpreises kaum diskutiert. Ergebnisse, manchmal auch Zitate der Jury-Begründungen, werden mitgeteilt und damit basta.