Von Nina Grunenberg

München, Ende Juli

Als Bismarck den Bayern die Freiheit nahm, ging er behutsam und werbend ans Werk. Die Empfindsamkeiten des traditionsbewußten deutschen Stammes sollten geschont werden. Der baubesessene bayerische König wurde mit den Geldern aus dem Weifenfonds gekauft, und an die Adresse Preußens schrieb Bismarck: „Wir wollen kein verstimmtes Bayern im Bunde, ein freiwilliges, kein verstimmtes.“

Heute, über hundert Jahre später, scheint sich die Frage des preußisch-süddeutschen Dualismus eher umgekehrt zu stellen: Wieviel undoktrinäre Geschicklichkeit wird Franz Josef Strauß aufbringen müssen, damit der Norden Deutschlands sich von ihm nicht nur erobern, sondern auch noch freiwillig überzeugen läßt?

So ironisch wie das klingt, ist es nicht gemeint. Jene Bayern, die in diesen Wochen mit einem Stimmungsgemisch aus Unsicherheit und Siegeswillen über die Donau hinauf nach Norden schauen, um die Chancen der Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß im deutschen Volk abzuwägen, werden nicht allein von parteipolitischen Gründen bewegt. Spürbar wird da pötzlich auch eine Art kollektiven Stammesgefühls, das sich auf die 1300jährige Geschichte des bayerischen Volkes stützt und nur rational gesinnten Nordlichtern schwer zugänglich ist. Jeder, der sich als Bayer ein historisch-staatliches Bewußtsein erhalten hat, scheint zu wissen, was gemeint ist, wenn Franz Josef Strauß verkündet: „Wir stehen heute wieder im Anruf der Geschichte“ – wie erst kürzlich in München vor ihm zujubelnden Industriellen und Gewerbetreibenden aus der bayerischen Wirtschaft.

Mag Franz Josef Strauß auch in Bayern nicht jedermanns Geschmack sein, so ist er doch vom gleichen Stamm. Plötzlich steht auf diese Weise neben dem CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten auch die Ehre Bayerns zwanglos mit auf dem Spiel. Die Entscheidung fällt da schon viel leichter: Wenn es „ums Ganze“ geht, wie es immer wieder heißt, schlagen sich auch solche Leute ganz auf die Seite des bayerischen Kandidaten, die insgeheim ihre Vorbehalte haben. Wenn schon, dann tritt Bayern dem Norden geschlossen entgegen.

„Die bayerische Rabiatheit hat eine humoristische Komponente, die es nicht so ernst meint“, pflegt Johnny Klein, der CSU-Bundestagsabgeordnete für München-Mitte, den alpenländischen Charakter für Zugereiste und CDU-Mitglieder zu erklären. Die kulturellen Überlegenheitsgefühle der Bayern gegenüber den deutschen Stämmen im Norden illustriert er gern mit der Stammtisch Weisheit: „Mir san schon in die Kirch’ ganga, da habt’s ihr noch Missionare abgewieselt.“