Kriminalität in der DDR ist noch immer eine Massenerscheinung

Von Joachim Nawrocki

In der DDR trat am 1. August ein Gesetz zur Änderung des Strafgesetzbuches in Kraft.

Damit wurden vor allem die Bestimmungen zum Schutz des Staates und der staatlichen Ordnung verschärft.

Aber auch die gewöhnliche Kriminalität bereitet dem Regime beträchtliche Sorgen. Die jüngste Statistik belegt es.

Ingo W., 18 Jahre jung, Lehrling bei der DDR-Reichsbahn, trank Ende Juni bei einer Jugendveranstaltung in Eisenhüttenstadt etwa 15 Glas Bier. Auf dem Heimweg kam er an einer Gaststätte vorbei und ließ noch einmal vier Bier einlaufen, dazu ein paar Schnäpse. Das letzte Bier schaffte ihn, denn plötzlich wußte Ingo nicht mehr, was er tat. Als er an einer Bushaltestelle vor dem Fahrzeugdepot der Verkehrsbetriebe warten mußte, kletterte er über den Zaun und probierte die abgestellten Fahrzeuge durch. Beim dritten klappte es: Ingo, Besitzer einer Fahrerlaubnis für Motorräder, war nun selber Busfahrer. Er durchbrach die Schranke des Verkehrshofes. überfuhr rote Ampeln, schockte Vopos, Fußgänger und Autofahrer, durchbrach ein Brückengeländer, und landete dort, wo er sonst zur Ausbildung hinkam: Auf dem Bahngelände. Ingo trug nur ein paar Schrammen, davon, der Bus aber war schrottreif.

Vom Stadtgericht in Eisenhüttenstadt wurde der Amokfahrer zu einem Jahr Gefängnis, 31 000 Mark Schadensersatz und drei Jahren Führerscheinentzug verurteilt. Das Verfahren, geht in die nächste Instanz, weil der Staatsanwalt die Strafe für zu niedrig hält. Ingo W. war bisher ein unbeschriebenes Blatt; in jüngster Zeit wurden seine Leistungen am Arbeitsplatz sogar mehrfach gelobt. „Wir alle haben dem Ingo das nicht zugetraut“, sagte sein Lehrmeister vor Gericht. Ingo gab freilich zu, daß er öfter schon mal „ein ganz schönes Ding in der Krone“ hatte. Das SED-Blatt Neues Deutschland kommentierte: „Alkoholgenuß ist kein Freibrief. Im Gegenteil, jeder ist für die Folgen voll verantwortlich.“