Von Fritz j. Raddatz

Ein Trivialroman? Ein Trivialroman. Wenn denn unsere Wirklichkeit und ihre sanfterbarmungslose Abschilderung trivial ist. Dieser Roman, in seiner raffinierten Kunstlosigkeit durchaus an Fontanes ironische Pseudo-Gemächlichkeit erinnernd, zeigt einen reifen, auch müden, aber vor allem: sehr erschrockenen Heinrich Böll.

Die weitverzweigte Familie des Provinzmillionärs Fritz Tolm, der sich mit kleinen Zeitungen und ständigen Aufkäufen der Konkurrenzblätter Geld und Schlößchen, Ruhm und Verbandspräsidentenehren eingesammelt hat – Axel-Caesar Schleyer –, ist in nuce Spiegelbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft: Die gesellschaftlich nützliche Ehe einer Tochter hat sich rasch als moralisch unnütz herausgestellt, das äußerlich glanzvolle Leben der schönen und illustrierten-berühmten Springreiterin ist in Wahrheit leer, zerbrochen, das Leben mit ihrem wichtigtuerischen Ehemann eher qualvoll. Die „Satellitenkinder“ haben die Caviar-Krippe verlassen: „Und doch wurde ihm nicht der Tee, den er bei ihnen trank, fremd, nicht das Brot, das er bei ihnen aß, nicht die Äpfel, die sie ihm ins Auto legten; sie waren doch seine Kinder, und irdisch waren doch Tee, Brot, Suppe und Äpfel. Was ihm Angst machte: diese überirdische Fremdheit in ihren Gedanken und Werken. Kälte war’s nicht – Fremdheit, aus der heraus natürlich einer plötzlich schießen oder Granaten werfen konnte, und doch fielen auch sie jetzt aus seiner Angst heraus in seine Neugierde: Rolf, sein eigener Sohn, der da Tomaten zog, Apfelbäume hegte, Hühner hielt, Kartoffeln und Chinakohl pflanzte, alles in diesem herrlichen alten, hochummauerten Pfarrgarten in Hubreichen; und wohnten – man konnte es nicht anders nennen, in dieser allerdings hübschen Hütte nebenan, hatten sie hübsch gestrichen, Geranien im Fenster, holten abends im roten Emailletopf Milch beim Bauern Hermes, gingen sogar hin und wieder in eine der beiden Dorfkneipen, tranken Bier, nahmen Holger mit, der Limonade bekam – die reinste, allerreinste Idylle, in der keine Verbitterung spürbar war. Sie versuchten schon lange nicht mehr den Bauern und Arbeitern ihren, ja ‚ihren‘ Sozialismus zu erklären, ließen sich nicht mehr provozieren durch besoffene Lümmel, sprachen schon lange nicht mehr über Landwirtschaftspolitik und Streiks und Straßenbau, nahmen protzig und auch rotzig daherredende Motorradfahrer nicht an, lächelten, tranken Bier, sprachen übers Wetter – und doch war dahinter – wo? – hinter dieser idyllischen Front, die nicht einmal künstlich war – mit geweißtem Haus, grünen Läden und roten Geranien – dahinter mußte sein, was den Schrecken gebären konnte: eine unheimliche Ruhe.“

Es ist die Ruhe des „Stechlin“, man weiß nie, wann sie aufgestört wird; weiß nicht einmal genau, durch wen.

Bölls makaber-realistischer Einfall läßt seine „Leute von Seldwyla“ an sehr modernen Drähten zur Handlung tanzen: Der alte Tolm und seine gesamte Familie werden, rund um die Uhr, bewacht. Kein Schritt ohne Begleitbeamten, kein Telephonat ohne Mithörer, keine Reise ohne Folgewagen oder Hubschrauber – die Familie gilt als von Anschlägen (aus der eigenen Familie?) bedroht. Wie andere Leute einen Zweitwagen haben, so haben alle Tolms ein Zweitleben – jede Bewegung einen Spiegel, jeder Ton ein Echo, jede Haltung ihren Affen.

Den Autor von „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ oder „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ muß das zu parodistischen Erzähleinlagen (ver)führen. Und den vielfachen „Präsidenten“ Heinrich Böll muß das zum Ein- oder Aufarbeiten eigner Erfahrung mit der Firma „Freund & Helfer“ bringen, die sein Haus umstellte, durchsuchte und seine Söhne beargwöhnte. Nur: der Schriftsteller Böll ist kein Mätzchenmacher, und er hat erst jüngst, in seinem großen Gespräch mit René Wintzen –