ZDF, Mittwoch, 25. Juli: „Thomas Manns Zauberberg in Davos“

Ach, war das ein armseliges Filmchen, jämmerlich von Anfang an. Während die Kamera über die Davoser Schneehänge glitt, stöhnte ein Kranker die Tuberkulosemelodie dazu. Die Tannen und der Husten als Leitmotiv. Und was für ein Husten! Simples Allerweltsgekeuche, unfähig, auf jene Geräuschskala zu verweisen, deren Kenntnis die Davoser Auskultationskünstler bewiesen, wenn sie das Quieken vom Giemen trennten, das helle Knacken vom feinen Knistern, das blasige Rasseln und sanfte Zirpen vom tympanitischen Schall und dem metallischen Sausen. Und dann das Reiben wie in der Ferne und das taubenartige Girren: Wie hohe Literatur nehmen sich die Eintragungen in Davoser Krankenjournalen aus – gemessen an den hölzernen „Zauberberg“-Analysen, den Anhäufungen von Platitüden, wie man sie in dieser Sendung vernahm.

Und dabei hätte man nur zu zitieren brauchen – und der Lustort, an dem die Krankheit mit dem langsam-feierlichen Gang und dem sicheren Ausgang regiert, wäre ins Blickfeld gerückt: Davos, ein Ort der Rettung und der Perversion („Fiebernde und Blutspuckende wurden auf Bergspaziergänge geschickt“: so der große Davoser Arzt Karl Turban), ein Dorado der Society und ein Zentrum der Mildtätigkeit – scheel angesehen von den Ärzten im Flachland, dem Personal der Lungenheilstätten von Görbersdorf und Geesthacht, wo man dem Zauber der Luft da droben nicht so recht traute oder sich, wie Rudolf Virchow, sogar offen über den Nimbus der Engadiner Santorien belustigte: Er habe die Ehre, erklärte der berühmte Pathologe, seinem geschätzten Auditorium den Fall eines Mannes vorzuführen, der „an einem berühmten Kurort gestorben ist, von dem wir bis jetzt noch nicht gehört haben, daß daselbst überhaupt Leute sterben“.

Ach, hätte man doch den Mut gehabt, sich zu beschränken, die Zitate sprechen zu lassen – die Zitate und den besten Kenner des Themas „Davos und der Zauberberg“, den Arzt Dr. Christian Virchow – ihn, der sich, damit Allerweltweisheiten über Naphta und Settembrini, die beiden Seelenfänger des Romans, wiedergekaut werden konnten, auf eine Chargenrolle zu beschränken hatte.

Und so kam es dann, daß auf der einen Seite erklärt wurde, im Text, Davos sei nach dem Siegeszug der Chemotherapie ein reiner Sportort geworden (keine Asthma- und Allergie-Spezialklinik? Keine Abteilung für Augentuberkulose?), während sich auf der anderen Seite, im Bild, Schwerkranke in ihren Balkonbetten präsentierten. (Wozu, als uralte Litanei der Tuberkulosenkuren, aus dem Mund eines Arztes das Hohelied der Disziplin angestimmt wurde: Grad so wie im Jahr 1900, als Begriffe wie Gehorsam, Autorität und striktes Reglement zu den Basisworten jeder Behandlung gehörten – kein Wunder, daß Hofrat Behrens im „Zauberberg“ seine Moribunden mit den Worten „Stellen Sie sich nicht so an“ zur Räso\n brachte.)

Alte Photos, alte Tuberkuloselehrbücher, alte chirurgische Instrumente, wie sie im Zauberberg Davos gebräuchlich waren, die Rippenschere (auch Guillotine genannt) und der Brauersche Haken, alte Briefe aus der Zeit von 1912, als Frau Katja (ergreifend, sie noch einmal wiederzusehen: so, wie sie war) sich zur Kur in Davos aufhielt – und dazu als Cicerone, Christian. Virchow, komme de lettres und Arzt aus Davos: Das wäre ein phantastischer Film geworden. Ein Film, in dem, wer weiß, vielleicht sogar Frau Katjas Innenkonterfei hätte gezeigt werden können, die gläserne Röntgenplatte, aus der zu ersehen sein soll, daß die Patientin mitnichten an Tuberkulose litt.

Verdankt der Zauberberg, kurios genug, seine Existenz am Ende einer medizinischen Fehldiagnose? Momos