Arbeitgeber und Notenbank wollen die Preissteigerungsrate ohne Ölverteuerung rechnen.

Ins Rollen brachte den Stein kein geringerer als Fritz Leutwiler, Präsident der Notenbank Helvetiens und von Amts wegen stets um die Geldwertstabilität besorgt. „Beim Teuerungsausgleich am Jahresende sollte die Ölteuerung nicht berücksichtigt werden“, hatte er schon im Frühjahr gefordert und damit einen wesentlichen Besitzstand der Schweizer Lohn- und Gehaltsempfänger angetastet. Denn die Aufbesserung der nominellen Einkommen am Jahresende um just jenen Prozentsatz, den sie in den vorangegangenen zwölf Monaten durch Inflation an Kaufkraft verloren, gilt zwischen St. Gallen und Genf, Chiasso und Basel als das mindeste, was die werktätige Bevölkerung als ungeschriebenes Recht erwartet. Entsprechende Klauseln finden sich in den meisten Manteltarifverträgen. Dafür verhalten sich Arbeitnehmer und Gewerkschaften, was die übrigen Forderungen angeht, äußerst moderat.

„Wenn wir die Ölteuerung durch entsprechende Lohnerhöhungen ausgleichen“, hatte Helvetiens oberster Währungshüter laut überlegt, „dann besteht für den Konsumenten kein Grund, weniger Heizöl und Benzin zu verbrauchen.“ Doch Leutwiler mußte sich rasch belehren lassen. „Der Verbraucher wird sein Verhalten trotzdem ändern“, erklärte der Basler Ökonomieprofessor Rene Erbe, „weil er nämlich merken wird, daß Erdölprodukte im Vergleich zu anderen Konsumgütern teurer geworden sind.“ Vor der Preiserhöhung hätten zehn Liter Benzin soviel gekostet wie zwei Flaschen Wein, nun aber könne man statt zehn Liter Benzin vier Flaschen Wein kaufen.

Das Votum des Notenbankpräsidenten vom Frühjahr ließ der Schweizerischen Volkspartei (SVP) keine Ruhe. In einem parlamentarischen Vorstoß forderten sie, mit Blick auf den Teuerungsausgleich, eine Spaltung des Lebenshaltungskostenindex. Im Parallelindex ausgeklammert werden sollten Heizöl und Benzin. Als der Lebenshaltungskostenindex im Juni verglichen mit dem Vorjahresmonat einen Sprung von 4,3 Prozent verzeichnete, erhoben auch die Arbeitgeber lautstark ihre Stimmen. Denn die ölteuerung hatte 3,3 Prozentpunkte zur ausgewiesenen Gesamtteuerung beigetragen, die übrigen Bereiche hingegen nur ein Prozent. Würde die ölteuerung in Löhnen und Gehältern ausgeglichen, argumentierten die Unternehmer, würde sie in die Kostenstruktur der Betriebe durchschlagen und über die Lohn-Preis-Spirale das Inflationskarussell in Schwung bringen. Das käme nach Arbeitgebermeinung für die Arbeitnehmer teurer als ein Verzicht auf den entsprechenden Teuerungsausgleich. „Eine typisch bürgerliche Argumentation, die ich voll ablehne“, schimpfte Gewerkschaftspräsident Richard Müller. Die Gewerkschaften hoffen, daß die Lohnerhöhungen bei den Unternehmern hängen bleiben, ohne daß diese angesichts der Marktlage die Preise erhöhen können.

Die helvetischen Ökonomieprofessoren vertreten keine einheitliche Meinung. Einerseits, fürchtet man, würde ein Hängenbleiben der Ölteuerung bei den Unternehmern zu Pleiten führen und der noch schwachen helvetischen Konjunktur erheblichen Schaden zufügen. Andererseits aber würde ein Nichtausgleich der ölteuerung beim Lohnempfänger und Konsumenten zu einer Einschränkung auch in anderen Lebensbereichen führen, was ebenfalls rezessive Tendenzen beinhalte.

Der Mann von der Straße will den vollen Teuerungsausgleich. Sein Argument: Als die Heizöl- und Benzinpreise durch den Höhenflug des Franken in der Schweiz währungsbedingt niedriger wurden, kamen die Unternehmer auch nicht auf die Idee, den Index zu spalten. Kontern die Arbeitgeber: „Der Teuerungsausgleich ist schließlich nicht die einzige Komponente, über die wir Lohnerhöhungen vorgenommen haben. Hinzu kamen beispielsweise Reallohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen mit entsprechendem Lohnausgleich.“ Der Kompromiß dürfte denn auch eidgenössisch ausfallen: keine Indexspaltung, voller Teuerungsausgleich, dafür Leisetreten der Arbeitnehmer in Sachen Reallohnerhöhungen. Alexander Mayr