Von Hans C. Blumenberg

Da sitzt ein kleiner fetter Mann, noch jung an Jahren, in der Londoner Untergrundbahn und liest ein Buch. Vom Nebensitz greift ein kleiner Junge nach seinem Hut. Der deine fette Mann, unversehens aus seiner Ruhe aufgestört, scheucht das Kind mit einer Geste hilfloser Empörung weg. Doch ein paar Sekunden später wiederholt sich das Spiel.

Da steht ein kleiner fetter Mann vor einem Gerichtsgebäude, einen Photoapparat in der Hand. Er will Bilder machen, aber um ihn herum herrscht ein solches Gedränge, daß er zu keinem Schuß kommt. Unwillig, resigniert schaut er dem Treiben zu.

Da wuchtet ein kleiner fetter Mann einen mächtigen Kontrabaß in einen Zug. Er macht keine glückliche Figur dabei.

Da hetzt ein kleiner fetter Mann, nun schon älter, mitten im New Yorker Verkehrsgewühl zu einer Bushaltestelle. Der Bus fährt ihm direkt vor der Nase weg. Ohnmächtig steht er einen Moment lang vor der verschlossenen Tür.

Da sitzt ein kleiner fetter Mann, nun schon ein würdiger Greis, in einer Hotelhalle und hält ein Baby auf seinem Schoß. Plötzlich bemerkt er, daß ein kleines Malheur geschehen ist.

Fünfmal Alfred Hitchcock, fünf Mini-Dramen aus dem bürgerlichen Alltag. In seinen berühmten Kurzauftritten in seinen eigenen Filmen rafft er mitunter das beherrschende Thema der Hitchcock-Welt (oder des „Archipel Hitchcock“, wie das ein italienischer Kritiker nannte) zu einer kurzen Pointe. Der Verlust der Balance, die Gefährdung einer stabilen Befindlichkeit, die Bedrohung der Normalität: Eine winzige Geste reicht aus, um den Lauf der Dinge fatal zu verändern. Der Archipel Hitchcock ist keine Insel, auf die man bauen kann. Die Topographie dieser geschlossenen, in sechs Jahrzehnten und 53 Filmen konstruierten Kunst-Welt birgt für den sorglosen Wanderer viele Gefahren: Klippen, die zum Sprung in die Tiefe locken, Treibsand und Moore, die alles Leben verschlucken.