Zwischen Amerika und Israel ist ein Graben aufgebrochen, der tiefste seit vielen Jahren: Außenminister Mosche Dayan klagt Washington an, "eine Wende der Nahostpolitik zum Nachteil Israels" einzuleiten – des Öls zuliebe. Läßt sich nach Willy Brandt und Bruno Kreisky nun auch Jimmy Carter auf ein Zusammenspiel mit dem Palästinenserführer Jassir Arafat ein? Es scheint so, obwohl Henry Kissinger 1975 einen hohen Preis für jegliches Gespräch mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) festgelegt hatte: die Anerkennung des israelischen Existenzrechts innerhalb "sicherer Grenzen". Die Carter-Administration hat diese Bedingung im vorigen Jahr selbst bekräftigt.

Soll nun das Fundament von Camp David, die Sicherheitsresolution 242, nicht mehr gelten? Großbritannien will eine "Alternativfassung" vorlegen, und wie es heißt, arbeiten auch die beiden Supermächte gemeinsam an einem Revisionsentwurf, der die PLO an den Verhandlungstisch locken soll.

Kann diese beflissene Betriebsamkeit wirklich den Leerlauf der ägyptisch-israelischen Friedensverhandlungen beenden? Bis jetzt haben die vielen Versuchsballons nur eine beispiellose Verhärtung in Jerusalem provoziert. "Wir werden unsere eigenen Interessen vertreten und uns nicht in die Knie zwingen lassen", donnerte Mosche Dayan zum Wochenbeginn, und Dayan gehört nicht zu jenen israelischen Politikern, denen die göttliche Verheißung als einzige Richtschnur ihres Handelns dient.

Gewiß, Israels Autonomiepläne für das Westufer und den Gazastreifen müssen in eine Sackgasse führen; sie bieten den Bewohnern kaum mehr als ein notdürftig kaschiertes Protektorat. Der amerikanische Ärger über Israels Ministerpräsidenten Begin ist begreiflich. Nur: Wenn Washington nicht minder unverhüllt mit einer PLO winkt, die mit der Anerkennung der israelischen Daseinsberechtigung höchstens kokettiert, wird es kaum die gemäßigten Kräfte in Jerusalem stärken. Und wenn Amerika zugleich mit feierlichen Verpflichtungen leger umgeht, wird es nur eine israelische Ur-Angst zur Gewißheit machen: daß die Treueschwüre der Verbündeten nur bis zum nächsten Kurswechsel gelten. Daraus folgt, daß Selbstverlaß den Israelis die höchste Staatsräson liefert.

Paranoia? Vielleicht, aber der Westen wird sie kaum ausräumen, indem er Israels historische Existenzangst durch diplomatische und deklamatorische Schnellschüsse bestätigt. Im Lande selbst wächst die Zahl derer, die Siedlungsgettos inmitten einer feindlichen Bevölkerung nicht mehr mit einem Gewinn an Sicherheit verwechseln; sie begreifen, daß die Herrschaft über ein fremdes Volk das demokratische Staatswesen Israel viel schärfer bedroht als sämtliche arabischen Armeen. Die oppositionelle Arbeiterpartei hat Begins Autonomietaktik längst als Irrweg erkannt; sie will im Austausch für Grenzkorrekturen auf das Westufer verzichten. Wenn der Westen aber nun die PLO salonfähig machen will, deren Nationalcharta von 1968 noch immer die Liquidierung des Staates Israels fordert, wird er nur eines erreichen: die Wiederwahl Begins im Frühjahr 1981.

Indes: Die akuten Sorgen um das Öl haben sich in den Vordergrund gedrängt; der Westen glaubt, daß er sich Geduld nicht mehr leisten kann. Schlimmer noch: In Europa und neuerdings auch in Washington scheint sich die Überzeugung auszubreiten, daß Camp David ohne einen raschen Durchbruch zur Gesamtlösung zum Scheitern verurteilt sei. Wozu Sadat stützen, wo er doch völlig isoliert ist und sich die Macht und das Öl in den Händen der Verweigerungsfront befinden? Giscard d’Estaing hat schon vor Monaten gewarnt, daß eine allzu enge Anlehnung an den ägyptisch-israelischen Frieden den Interessen Europas gar nicht mehr dienen kann.

Dieses Kalkül klingt plausibel; es könnte sich dennoch als kurzsichtig erweisen. Denn die größte Bedrohung der westlichen Ölversorgung ist ein neuer Krieg im Nahen Osten, der – wie 1973 – ein Ölembargo provozieren würde. Solange aber der ägyptisch-israelische Frieden hält, gibt es keine militärische Option: Kein arabischer Staat kann ohne Kairo einen Krieg anzetteln.

Wer jetzt die Verweigerungsfront mit politischen Geschenken ohne Gegenleistung umwirbt, straft nicht nur Begin, sondern untergräbt auch Sadat und damit das schmale Fundament des Friedens. Die militärische Stabilisierung der Region kann nur der erste Schritt sein, aber er ist die beste Versicherung gegen ein Ölembargo und zugleich unverzichtbar für alle weiteren Etappen. Die europäische Erfahrung mag Beispiel sein: Frankreich und Deutschland sind sich nach 1945 nicht etwa in die Arme gesunken, weil sie allen Rivalitäten abgeschworen hatten, sondern weil ein Krieg zwischen diesen beiden Nationen undenkbar geworden war.