ARD, Donnerstag, 16. August, 23 Uhr: „Bayern in der NS-Zeit“, von Martin Broszat und Jochen Kölsch

Eine Überraschung vor Mitternacht: der totalitäre Staat Hitlers war weit weniger total, als es hinterher, scheinen will. In der deutschen Provinz hat sich in den zwölf Jahren des Tausendjährigen Reiches kaum etwas verändert; die Nazis konnten wohl die Städte und die Dörfer im Sturm erobern, doch haben sie die Herzen und Sinne der Bewohner allenfalls zeitweilig, doch nie auf Dauer für sich gewinnen können. Bauern und Handwerker, Kleinbürger und Arbeiter ließen den Nationalsozialismus wie Frühlingslüfte und Sonnenschein, wie Sturm und Hagelschlag über sich ergehen: ein Volk der Mitläufer, gewiß nicht so harmlos und für dumm verkauft, wie es sich nach 1945 vor den Besatzern selbst darstellte, aber auch nicht so abgründig schlecht und verdorben, wie es von anderen abgestempelt wurde.

Der Titel dieser „zeitgeschichtlichen – Reportage über den politischen Alltag in ländlichen Gebieten“ ist so richtig wie falsch. Die Beispiele, entnommen einem Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte, stammen zwar aus dem Freistaat Bayern, aber Filmdokumentationen aus Dithmarschen, aus der Eifel, von der Schwäbischen Alb oder aus dem Ruhrpott würden nur in Nuancen anders ausfallen. Viel zu spät haben die Zeithistoriker den „kleinen Mann“ entdeckt, der in den großen Darstellungen und in den Akteneditionen der Wissenschaftler nicht vorkommt. Nun saßen sie vor der Kamera, Altbauern und Pensionäre aus dem fränkischen Landkreis Ebermannstadt, Arbeiter und Bürger aus der Kohlestadt Penzberg in Oberbayern, und gaben so Erstaunliches wie Entlarvendes zu Protokoll – zeitgeschichtliche Information von jedermann für jedermann, dargeboten ohne professorale Arroganz, bestechend sachlich.

Die Nationalsozialisten taten sich schwer, die Dorfgemeinschaften aufzubrechen. Oft begnügten sie sich damit, die „Kulturträger“: Bürgermeister, Lehrer und (in evangelischen Gemeinden) die Pfarrer auf die Partei einzuschwören. Fanatische Nazis waren dünn gesät. Es mußte den neuen Machthabern zunächst die allgemeine (freiwillige, oder erzwungene) Zustimmung der Bevölkerung genügen. Gerade in Bayern haben kleinbürgerlicher Antikommunismus und bierseliger Nationalismus dem Faschismus Wege geebnet, und auch hier hat Not Nazis gemacht. Doch religiöse. Bindungen, bäuerliche Skepsis, klassenkämpferische Solidarität trotzten den braunen Verführungskünsten.

Nein, offenen Widerstand hat niemand gewagt. Die Menschen verhielten sich „normal“ – sie nahmen hin, was sie nicht ändern konnten, sie paßten sich an, nahmen die materiellen Vorteile wahr: Arbeitsplätze für die Erwerbslosen, stabile Preise für die Landwirte. Sie lavierten sich durch. Sie wußten, wann sie „Heil Hitler“, wann „Grüß’ Gott“ sagen mußten.

In der Erinerung wollten nicht einmal die Gegner des Naziregimes mehr wahrhaben, wie groß der Konformitätsdruck für alle Bürger des Dritten Reiches gewesen ist, so als schämten sie sich ihrer dörflichen oder kleinstädtischen Gemeinschaft. Anderen verklärte sich die schreckliche Vergangenheit zur „schönen Zeit“, oder sie verrieten durch die Wortwahl ihre von Weimar bis heute unwandelbare antidemokratische Gesinnung („Es gab natürlich auch Miesmacher“).

Dabei war der Terror allgegenwärtig: „Wenn’st nicht folgst, kommst auf Dachau“, hieß die Losung, die jedem Bayern geläufig war. In der sogenannten Reichskristallnacht brach die nackte Gewalt auch in die dörfliche Idylle ein: Wohnungen jüdischer Bürger wurden geplündert und gebrandschatzt. Typische Reaktion des schlechten Gewissens der Mitbürger: „Na, da schaust d’gar nicht hin.“