Obschon es heller Tag ist“, heißt es in einem Lustspiel Christian Grabbes, „rate ich, daß man außerdem ein Licht anzündet.“ Das Wort taugt, Grabbe möge es verzeihen, ebenso als Motto einer Tragikomödie namens „Clofibrat“. Und drei Aufzüge, dem Originale gleich, die braucht’s auch hier. Mindestens.

Im Oktober 1978 hob sich der Vorhang zum ersten Akt des Pharma-Schauspiels, das Dienstag letzter Woche mit der eingeschränkten Wiederzulassung des blutfettsenkenden Arzneistoffs Clofibrat in den dritten, aber vermutlich nicht letzten Aufzug ging. Vergangenen Herbst folgten auf sieben gewichtige Langzeitstudien die Resultate einer achten, „einzigartig angelegten“ Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO: Über zehn Jahre hinweg wurde an 15 000 Freiwilligen aus drei europäischen Großstädten die Wirkung von Clofibrat erfaßt.

Ergebnis: Clofibrat senkt den Cholesterinspiegel im Blut nur um neun und nicht, wie erwartet, 15 Prozent. Zwar reduziert es die Rate der Erstinfarkte um zwanzig Prozent – aber um einen hohen Preis. Denn unter den Versuchspersonen scheint die Sterblichkeit erhöht. Auch bilden sich häufiger Gallensteine. Vollends alarmierend wirkt eine Häufung bösartiger Tumoren.

Zweiter Aufzug. Am 15. Januar faßt das Bundesgesundheitsamt (BGA) einen im Rund internationaler Pharmakontrolleure einsamen Entschluß: Es widerruft die Zulassung sämtlicher 49 clofibrathaltigen Pharmaka (siehe ZEIT Nr. 8/79). Fünf Monate später – dem BGA womöglich zu früh, für manche Patienten hoffentlich nicht zu spät – kommt die überfällige Einsicht, immerhin: „Für die breite Primärprophylaxe koronarer Herzkrankheiten ist das Präparat nicht geignet.“ Eben dies war auch zwei der früheren, vom BGA akzeptierten Studien längst zu entnehmen. Der Krebsverdacht erweist sich dagegen als unwahrscheinlich.

Fortan gilt Clofibrat nurmehr als Korrektiv schwerer Störungen des Fettstoffwechsels, als Mittel für „verzweifelte Fälle“, die trotz Diät kaum kontrollierbar sind.

Die Kombattanten – hie ein Pharmariese stellvertretend für die Branche, dort das BGA – ziehen weiterhin vor der Kulisse eines rund hundert Millionen Mark schweren Marktes am bekannten Strang zum Wohle des Patienten. Ein jeder am gebührenden Ende, versteht sich. Szenenauszug: Ohne neutrale Experten zuzuziehen, beharrt das BGA bis in den Gerichtssaal hinein (und obwohl die Hersteller signalisieren, die Indikationen einzugrenzen), der Verdacht sei „im Schatten des Verbots“ zu klären. Das Berliner Kammergericht wiederum reichert die Battaille um den Barock Beck’scher Gesetzeskommentare an: „Aus welchen Quellen die Behörde ihre Erkenntnisse gewinnt, ist... unerheblich.“

Nach langem und ebenso vergeblichem Anlauf begehrt das BGA, diesmal übers offizielle Anhörverfahren (siehe ZEIT Nr. 30/79), Einsicht in die Umsatzdaten für Clofibrat. Die Unterhändler der Pharmafront, Zugeknöpft und blauäugig, bedauern. Leider hätten sie zu derlei Daten keinen Zugang. Schließlich taucht doch ein Goldkörnchen im Wortgeröll auf: Weniger als 150 von 23 000 in Kliniken behandelten Patienten nahmen Clofibrat.