Im Juli 1979 arbeitet im Dachgeschoß eines Münchner Wohnblocks aus den dreißiger Jahren der aus Jugoslawien stammende Filmemacher, Maler und Schriftsteller Vlado Kristl an einem Exposé für eine Oper, die er beim nächsten Münchner Theaterfestival aufführen will. Es ist „Die größte Oper der Welt“. Ihr Finale stellt sich Kristl so vor: „Finale (16 Kameras, 4 verankerte Großhebebühnen, 1200 Scheinwerfer, 1080 Mikrophone und 130 Regie-Assistenten): 30 000 bis 50 000 Münchner, Opernfans, überschwemmen vom Olympia-Berg die Festivalwiese, zertreten alles, was ihnen in den Weg kommt, lassen mit kollektivem Gesang Luft und Erde schmelzen... das ist alles.“

Im Juli 1979 arbeitet im Münchner Ausländeramt der zuständige Sachbearbeiter an der Akte Kristl. Er zieht herbei, prüft, ob vorliegt, mahnt an, bedauert, setzt eine Frist. Kristl ist einer von mehr als 200 000 Ausländern in München. Während er die Zeltstadt des Theaterfestivals am Ende seiner Oper untergehen sieht, füllt der Sachbearbeiter seine Formulare aus. Nach den Aktivitäten des Beamten schreibt Kristl unter „Die größte Oper der Welt“: „Wegen Ausweisung ist die Oper verhindert.“

Vor acht Jahren hat Vlado Kristl in einem seiner Bücher Kontakt zu einer obersten Bundesbehörde aufgenommen: „Sehr geehrter Herr Bundesgerichtshofpräsident, ich kann den Verdacht nicht loswerden, daß ich Ausländer bin.“

Jetzt hat eine Behörde Kontakt zu Kristl aufgenommen. Sie hat ihn in seinem Verdacht, ein Ausländer zu sein, bestätigt. Falls Kristl der Behörde keinen Nachweis beibringt, soll seine Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert werden. Dann müßte Kristl nach siebzehn Jahren am 27. September die Bundesrepublik verlassen.

Vlado Kristl kann die Bedingungen des Ausländeramts mit Sicherheit nicht erfüllen. Er kann sich keine Krankenversicherung leisten und hat auch kein Geld für eine Rentenversicherung. Er hat Filme gemacht: „Don Quichote“, „Capriccio“, „Der Damm“, „Der General“, „Das Autorennen“, „Der Brief“, „Madeleine Madeleine“, „Sekundenfilme“, „Obrigkeitsfilm“. Er hat Bücher geschrieben: „Geschäfte, die es nicht gibt“, „Kultur der Anarchie“. Er hat Bilder gemalt und Video-Theater gemacht; Eben hat Kristl im Münchner S!A!U!-Verlag ein Heft mit Karikaturen, Gedichten und Aphorismen publiziert. Doch Kristls Filme wollten bisher nur wenige sehen, seine Bücher nur wenige lesen. Kristl hat für seine Arbeit kaum Geld bekommen.

Dieses Geld, das ihm vorenthalten wurde, will, Kristl einklagen. Er, fordert, daß er „für erbrachte Leistungen in angemessener Weise an öffentlichen Gewinnen beteiligt werde“. Kristl: „Ich verlange eine Professur an der Akademie der Künste in München, eine Ausstellung meiner Bilder und die Garantie, daß die Hälfte von den 500 Bildern, die ich in letzter Zeit gemalt habe, angekauft wird. Ich verlange, daß ein Video-Theater in München gebaut wird, daß von meinen Filmen für alle Schulen Kopien hergestellt werden, und die Neuauflage von allen meinen Büchern, die bislang (wie beim Suhrkamp Verlag) eingestampft wurden, mit beiliegender Erklärung, warum man diesen furchtbaren Fehler begangen hat!“ Die größte Tragikomödie der Welt: Genie und normierte Gesellschaft.

Kristls Kunst und Kristls Klage enthalten das Unmögliche als Forderung des einzelnen an eine Gesellschaft, die für ihn zu bestimmen versucht, was möglich und was unmöglich ist. 130 Regie-Assistenten wirst du nicht bekommen, sage ich. Das sagst du, sagt Kristl. Ohne Versicherungsausweis kann die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert werden, sagen die Beamten. Das sagen die, sagt Kristl.