Von Karl Heinz Wocker

London, im August

Das hundertmal totgesagte Commonwealth lebt, es hat wieder eine Krise, die es drohend vor sich sah, hinter sich. Zumindest ist sie in neun wohlgesetzten Punkten bewältigt worden, nun mögen die Konsuln zusehen. Im Falle Rhodesiens bestehen die Konsuln aus den Regierungen Großbritanniens, Nigerias, Sambias, Australiens, Jamaikas und Tansanias. Eine interessante Mischung. Denn nur 14 der 39 Commonwealthmitglieder sind afrikanische Staaten. Wenn also die gesamte Völkergemeinschaft den weißen Rhodesien-Emigranten der nächsten Jahre beistehen soll, durch Fonds und Aufnahmebereitschaft, dann können die Afrikaner dem Schicksal der Pflanzerkolonie nicht exklusiv präsidieren: Drei der sechs für die kommende Verfassungskonferenz verantwortlichen Regierungen stammen nicht aus Afrika. Umgekehrt hat man dem stärksten schwarz-afrikanischen Lande, Nigeria, Tribut gezollt, obwohl es nicht zu den Nachbarn Rhodesiens zählt. Auch Frau Thatcher akzeptierte den Sitz der Regierung von Lagos am Tisch der künftigen Gespräche, obwohl die Verstaatlichung der britischen BP-Anlagen in Nigeria, gedacht als Druckmittel am Vorabend der Lusaka-Konferenz, in London böses Blut gemacht hatte. Dies ist genau die Form des Zusammenraufens, an die man sich im Commonwealth seit langem gewöhnt hat.

Von da bis zum „Wunder von Lusaka“ ist jedoch noch ein Stück Weges. So wenig an dem Plan neu ist, auf den sich die Staats- und Regierungschefs einigten, so schwer wird er umzumünzen sein in praktische Politik. Mindestens sieben politische Kräfte müssen zunächst zur neuen Rhodesien-Verfassung, dann zur Verfassungskonferenz und schließlich zum Resultat neuer Wahlen in der Ex-Kolonie Ja und Amen sagen: Großbritannien, dessen Verantwortung für Rhodesien seit der Selbstverwaltung, gewährt 1923, nie größer war als jetzt, dann die erwähnten sechs Aufsichts-Regierungen, ferner die fünf Anrainer-Frontstaaten, die weißen Rhodesier, die das alles nicht mögen können, natürlich die von Schwarzen beherrschte, aber machtgeschwächte Regierung Muzorewa, erst recht die Guerilla-Führer Mugabe und Nkomo und schließlich ja wohl auch das benachbarte Südafrika, dessen Schicksal durch jedwede Rhodesienlösung vorweggenommen wird.

Je eher diese friedlich kommt, desto rascher naht das Ende der Burenherrschaft, In Pretoria lebt man vom Tod an den Scharmützelgrenzen zwischen Sambia und der Tabakpflanzer-Republik. Aus Pretoria kam denn auch das erste Nein zum Neun-Punkte-Plan. Die zweite Absage erteilten die Guerilla-Führer. Natürlich wagten auch diverse Rechtskonservative einen Miniaturaufstand gegen ihre Premierministerin und den Außenminister Lord Carrington, dem mutmaßlich das Hauptverdienst am Kompromiß gebührt (ihm und dem Foreign Office, das damit die diplomatische Kontinuität gegen den politischen Machtwechsel in Downing Street durchgesetzt hat). Man muß nur die After-Koalition dieser Nein-Sager beisammen sehen, um dem Plan Gelingen zu wünschen.

Margaret Thatcher und Lord Carrington sind also nicht gedemütigt worden, so funktioniert das Commonwealth nicht. Freilich hat man ihnen auch keine freie Hand gelassen. Die haben sie sich zudem selbst gebunden durch den Vorsatz, am 15. November, wenn die Rhodesien-Sanktionen zur Verlängerung im Unterhaus anstehen, diesmal, nach 14 Jahren, Schluß zu machen mit einer hochgemuten, aber wirkungslosen Geste.

Am liebsten sähe die konservative Regierung folgenden Ablauf: An demokratisch einwandfreien Verfassungsentwürfen für Salisbury besteht in den Truhen des Foreign Office kein Mangel. Man orientiert sich am besten an dem, was für andere afrikanische Exkolonien zu deren Zufriedenheit in Kraft gesetzt wurde. Das Papier kann in drei Wochen vorliegen. Mitte September müßten die sechs Commonwealth-Weisen es absegnen, mit konzertiertem Druck auf Muzorewa (durch die Briten), auf die Weißen Rhodesier (durch Panik) und die Patriotische Front (durch Kaunda und Nyerere). Neuwahlen unter Beteiligung aller Aspiranten ließen sich Ende Oktober abhalten, mit der Aussicht für den Sieger, internationale Anerkennung nebst frei fließendem Handel fest in der Tasche zu haben. Fürs Gesichtwahren wäre den Briten am liebsten, wenn wiederum Muzorewa das Rennen machte. Frau Thatcher bliebe dann ihrer alten These treu, diese Regierung anzuerkennen und den durchlöcherten Boykott aufzuheben. Aber damit es so und nicht anders läuft, muß wohl zur Vernunft von Lusaka die Fortune der Geschichte hinzukommen.