Von Barbara von Jhering

Washington, im August

Während einem der kleinen Dinners im Weißen Haus, bei denen sich Jimmy Carter von seinen Gästen über die Probleme der Nation informieren lassen wollte, erlebten die Geladenen kürzlich eine engagiert diskutierende Mrs. Carter, die ihren Mann mehr als einmal höflich, aber bestimmt unterbrach. Als der Präsident in Camp David eine Denkpause einlegte, bemerkten die aus dem ganzen Land herbeizitierten Ratgeber, wie Rosalynn Carter pausenlos Notizen machte. Später konnten sie die Handschrift der First Lady an manchen Stellen der Energie-Rede Jimmy Carters wiedererkennen. Je schwächer und ratloser Carter wirkte, um so mehr schien seine Frau in den letzten Wochen an Statur und Entschlossenheit zu gewinnen.

Vor allem sie überredete ihren Mann, seine nach der Asienreise geplante Fernsehrede über die Energiemalaise abzusagen. Sie stellte mit ihm zusammen die Liste der einzuladenden Gesprächspartner für den „Hausgipfel“ in Camp David zusammen. Schließlich zog sie nach dem Kabinettsmassaker durchs Land, um die Amerikaner zu beruhigen: „Jimmy ist gesund, er ist glücklich, er sieht unsere Zukunft optimistisch.“

Bei ihrem Werbefeldzug durch vier Bundesstaaten traf die Erste Dame überall auf Unsicherheit und Sorge über den Zustand der Regierung. Aber auch über ihre eigene Rolle im Washingtoner Machtgefüge mußte sie Auskunft geben. Gefragt, ob sie vorher von der Kabinettsumbildung gewußt habe, antwortete sie mit einem inzwischen viel zitierten Versprecher: „Die meisten dieser Umbesetzungen waren lange erwartet worden. Die Minister, die gehen würden, wußten davon, und so dachte ich... ah, dachten wir... äh, dachte ich... äh, Jimmy – und ich stimmte mit ihm überein, daß es besser sei, die Sache schnell hinter uns zu bringen.“

Mit ihrem starken Engagement fällt Rosalynn Carter aus der Rolle, die sich die meisten Präsidentenfrauen im Weißen Haus gegeben haben. Nur Eleanor Roosevelt, die ihr Vorbild ist, war ähnlich aktiv. Die anderen First Ladies begnügten sich weitgehend mit dem Repräsentieren. Weder Bess Truman noch Mamie Eisenhower zeigten Interesse an den politischen Geschäften ihrer Männer. Jacqueline Kennedy bescherte dem Weißen Haus einen Hauch von Weitläufigkeit. Lady Bird Johnson war dafür bekannt, daß sie zwar viel Einfluß auf ihren Mann ausübte, aber in der Öffentlichkeit beschränkte sie sich auf ihre Bemühungen um die Verschönerung von Amerikas Straßen und Parks. Patricia Nixon unternahm allein halboffizielle Reisen nach Afrika und Südamerika, doch in Washington trat sie kaum in Erscheinung. Betty Ford schließlich leistete ihren größten Beitrag zur Politik, indem sie gegen moralingesäuerte Heuchelei wetterte und für die Legalisierung der Abtreibung eintrat.

Im Gegensatz zur Mehrzahl ihrer Vorgängerinnen beschränkt sich Rosalynn Carter nicht darauf, Anhängsel eines mächtigen Mannes zu sein. Sie hat selbst Macht und bekennt sich dazu. In einer Rede vor Journalisten sagte sie kürzlich in New York: „Ich kann die besten Köpfe in Amerika konsultieren, und ich mache davon Gebrauch ... Ich suche Rat und werde nie abgewiesen. Ich kann Staatsmännern aus. aller Welt zuhören und von ihnen lernen. Ich kann den Bedürftigen helfen, die mit der Bitte um Hilfe zu mir kommen. Ich kann Zu nationalen und internationalen Fragen in meiner Art, meinem Stil einen Beitrag leisten. Der Präsident der Vereinigten Staaten gibt etwas auf mein Urteil. Ich sehe mich im Auge der Geschichte, ich habe Einfluß, und ich weiß es.“