Oben Mangel an Führung – unten einfallsreiche Bürger

Von Marion Gräfin Dönhoff

Wer während der letzten zwanzig Jahre regelmäßig Amerika besucht hat, ist immer wieder beeindruckt, wie sehr das Land und seine Bewohner sich in den siebziger Jahren verändert haben. Mit Erklärungen dafür sind die meisten schnell bei der Hand: Watergate und vor allem Vietnam.

Das ist zweifellos richtig – aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Watergate und Vietnam sind nicht der einzige Grund dafür, daß aus strotzend optimistischen Idealisten ratlose Skeptiker geworden sind; und auch nicht dafür, daß so typisch europäische Gefühle wie „Entfremdung“ sich in die Begriffswelt der Amerikaner eingeschlichen haben.

Eine Meinungsumfrage, die die Ergebnisse von 1969 mit 1979 vergleicht, stellt fest, daß das Gefühl von Entfremdung und Machtlosigkeit, das damals für ein Drittel der Bevölkerung charakteristisch war, jetzt zwei Drittel aller Amerikaner befallen hat; daß der Glaube an die Integrität der Regierung von 62 Prozent auf 32 sank und daß das Vertrauen in die Geschäftswelt und deren Fairneß ins Bodenlose – von 70 auf 19 Prozent – gefallen ist.

Also allenthalben Mißtrauen und das Gefühl, nicht mehr selber sein Geschick in der Hand zu haben, sondern von irgendwelchen nicht lokalisierbaren und nicht durchschaubaren Mächten manipuliert zu werden: Jedermann ist betroffen von der langsam aber stetig fortschreitenden Inflation. „Warum läßt die Regierung dies zu?“, so fragen die Leute, die den sozio-ökonomischen Zusammenhang von wachsenden Ansprüchen der Bürger, nachgiebiger Gefälligkeit der Politiker und daraus folgender Geldentwertung nicht durchschauen. Dabei sind sie es, die ständig nach besseren Schulen und mehr Universitäten rufen, nach höheren Renten, Löhnen, Gewinnen, Agrarpreisen, nach qualifizierterem Umweltschutz, verläßlicheren Sicherheitsvorkehrungen und natürlich nach Steuersenkungen, was alles zwangsläufig dazu beiträgt, die Inflation ständig anzuheizen.

Die Probleme sind so kompliziert geworden, so komplex, daß die wenigsten die Zusammenhänge noch verstehen. Der Verfall des Dollars und seine monetären Hintergründe sind theoretisch schwer zu erklären, praktisch aber ergeben sich daraus Konsequenzen für jedermann. Dies gilt genauso für das Steuersystem wie für die Energiekrise: „Noch vor zehn Jahren hat kein Mensch von Energieproblemen geredet. Was ist denn eigentlich los? Schuld sind sicher die Multis“, so heißt es.