In den Fußstapfen Helmut Schmidts scheint Franz Josef Strauß in diesem Bonner Sommer zu wandeln – ein Kanzlerkandidat, der eifrig eine Rolle übt, die nirgends genau beschrieben ist.

Dieser Kandidat erscheint im Selbstporträt vor allem als pragmatisch wie – sagen wir wie Schmidt. Gegenüber dem Osten empfiehlt er „pragmatische Verhaltensweisen“, im Gespräch mit Ungarns Janosch Kadar hat sich gezeigt, daß man auf dem Straußschen, dem „pragmatischen Wege“, sich gegenseitig viel besser verstehen und viel ehrlicher behandeln könne als auf dem Wege „plumper Annäherungsversuche oder einfacher Schmeicheleien“. Dieser Kandidat sagt von sich, er sei „kein Träumer, kein Utopiker“, kann’s mit jedem von Breschnjew bis zu Heinz Oskar Vetter; so unendlich nett, fast wie eine der Figuren aus Heinrich Bölls neuem Roman.

Dieser pragmatische Kandidat schwelgt sogar in Bildern eines „geschichtlichen Frühlings, einer Morgenröte“ zwischen Sowjetunion und Bundesrepublik, einer Zusammenarbeit als „Quelle des Wohlstands, des Segens, der Sicherheit und auch einer geordneten und freundlich dreinblickenden Zukunft“; vorausgesetzt natürlich, die deutsche Teilung werde beendet.

Der Kandidat, er sagt es selbst, steht den Gewerkschaften so nah wie kaum ein zweiter – außer vielleicht Schmidt. Hat die CSU nicht einmal mit einer „Parteigewerkschaft“ geliebäugelt, um den DGB aufzusprengen? „Einzelvorstellungen“, antwortet der Kandidat, unsinnige obendrein und nachgerade „unanständig“, so etwas auch nur als ernsthafte Absicht zu unterstellen. Er hat ein „völlig offenes, natürliches, durch Herkunft und Lebenslauf positives Verhältnis zur deutschen Arbeitnehmerschaft“ und ein „von keinerlei Vorurteilen oder anderen negativen Einflüssen bestimmtes Bild von den deutschen Gewerkschaften, besonders vom DGB“.

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Damit andererseits nicht der Eindruck entsteht, es sei schnuppe, wie der künftige Kanzler einmal heißt (denn warum dann nicht auch weiterhin Helmut Schmidt?), sorgt der Kanzlerkandidat dafür, daß die Alternative „im Grundsätzlichen“ zutage tritt. Das machen dann die Stellvertreter wie Zimmermann oder Strauß-Freunde der ersten Stunde wie Jürgen G. Todenhöfer; zum Beispiel als Leitartikler in der Zeitung des Herauseben und Kandidaten Stauß. Dort, im Bayernkurier, entrüstet sich also der Abgeordnete aus dem Kohl-Land, der zu Hause wenig Chancen zu einer erneuten Nominierung hat, in peinlich anklagendem, selbstgerechten Ton: Schmidt fehle, wie das Schicksal der Vietnam-Flüchtlinge zeige, das „echte humanitäre Engagement“, er reagiere als „kalter Macher“; „Leisetreterei“ gegenüber dem kommunistischen Hanoi, und „die radikale marxistische linke habe immer mildernde Umstände bereit, wenn Sozialisten im Namen des Sozialismus morden“. Ausgerechnet diese Linke habe aber doch „Mitverantwortung für das Bestehen des jetzigen Mörder-Regimes in Vietnam“. Es klingt fast so, als wär’s von Strauß – dem, der noch nicht Kandidat war.

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