Eine herrschende Klasse, an Erhaltung und Zementierung des von ihr geführten Staates arbeitend, entledigt sich wer Kinder und überantwortet deren Erziehung der von ihr bestellten und bezahlten Bürokratie. Indem sie die kleinste Zelle des eigenen Staates, die Familie nämlich, zerstört (in der Hoffnung auf perfekt geschliffenen Nachwuchs), schafft sie sich den zukünftigen Feind: Der eigene Sohn, im Internat zum blutig geräderten, melancholischen Ödipus heruntergekommen und aufgestiegen, wird im nächsten Krieg als Offizierswerkzeug ohne wirklichen Standesstolz zerbrechen oder er wird den väterlichen Staat – beschreiben. Letzteres tat Robert Musil, dessen kleiner Roman über die Kadettenanstalt ein Erfolg geworden ist für die Söhne des Jahres 1906, die den vermoderten Gestank des heraufziehenden Krieges schon in der Nase hatten, ihn aber vergessen konnten über der Schilderung ihrer vergeblichen Kindheit. Musil selbst hält den „Törless“ (mit Recht, wie ich glaube) nicht für sein bestes Buch: „Abgesehen von dem Gewinn der Freundschaft einiger bedeutender Kritiker, schien dieser Erfolg aus einer Reihe von Mißverständnissen zu bestehen... Die Wahrheit war, daß ich auf den vorgezeigten Stoff selbst gar keinen Wert legte. Natürlich hatte ich ähnliches gesehen, aber es bewegte mich persönlich so wenig, daß ich es, zwei Jahre bevor ich es selbst benutzte, einem anderen jungen Schriftsteller erzählte, dessen krasser Realismus mir für diesen Stoff viel geeigneter erschien, und ihm fest versicherte, daß dies ein Stoff für ihn wäre, aber nicht für mich... Warum ich dann (1902/1903) doch den Stoff selbst anpackte, weiß ich nicht mehr zu sagen; ich glaube es geschah in einer besonderen Lebenslage und weil ich mich, nachdem ich für meine Gedankenpoesie keinen Verleger gefunden hatte, etwas fester auf die Erde stellen wollte.“ Der Versuch gelang, der Erfolg verwandelte den Sohn in den Schriftsteller, der wiederum sich später aus diesem „Beruf“ mit seinem „Mann ohne Eigenschaften“ in eine andere Lebensform hinausschrieb, die eine Berufsbezeichnung wie die des „Schriftstellers“ überflüssig machte. Im Gegensatz zum „Törless“ ist der „Mann ohne Eigenschaften“ die Sprengung der Literatur, der Einbruch der Architektur in die Prosa. „Törless“ ist noch die Harmoniserung des Zerstörungsprozesses Erziehung, die Struktur und die Sehnsüchte dieser Erzählung fallen hinter den Stoff noch zurück, indem sie ihn gestalten. Noch agieren Charaktere mit Anspruch auf Subjektivität, die sie eigentlich schon nicht mehr für sich beanspruchen können: Schon als Kinder sind sie nur noch Karikaturen auf den Schoß, aus dem sie in die für sie vorbereitete Welt gepreßt worden sind. Die ständigen Rollenverteilungen einer Internatsklasse werden widerspruchslos übernommen, die Texte sind verteilt: der sensible, zurückgezogene Intellektuelle mit dem schlechten Gewissen dem vitalen Schläger gegenüber, der feige Kriecher an der Seite des zwei Köpfe größeren: das ewige Dreigespann aller Schulklassen und dazu die begehrenswerte Hure mit dem süßen Geruch, der auch aus der „Hüfte der Mutter“ aufsteigt, als Törless schließlich den Weg vom Gefängnis Internat ins Zucht-Haus Familie antritt. Dazwischen die sadomasochistischen Versuche der Kinder, sich auf das Leben im Staat vorzubereiten, indem sie es mit gegenseitigen Folterungen, Unterwerfungen und Züchtigungen abbilden. („Gegen. Beineberg hatte, er vor. ein oder zwei Jahren einen großen Krieg geführt, der mit dessen Niederlage endete.“) Ständig aber die Distanzierung von der eigenen Rolle, das Außersich-Sein des Törless, der lächerlich-tragische Kampf um die eigene Individualität: „Er fühlte, daß ihm alles, was er tat nur ein Spiel war. Nur etwas, das ihm half, über die Zeit dieser Larvenexistenz im Institut hinwegzukommen.“ Auch dieses ins technische Zeitalter gefallene und in den Standard verdrehte Individualitätsbedürfnis eines Hamlet-Läuffer-Leonce ist Gegenstand der Erzählung und (mag sein) macht deren exemplarische Bedeutung aus. (Die russische Literatur kennt diesen Archetyp nach Lermontows „Held unserer Zeit“ im dem Internat folgenden Rüpelalter als „lischni tschelowek“ – den „überflüssigen Menschen“). Vielleicht ist der „Törless“ eben durch seine Un-entschiedenheit des Autors mit dem Helden und des Helden wie des Autors mit sich selbst ein Meisterwerk als Stufe: zum kälteren Blick und zum entschiedeneren Bau nämlich. Möglicherweise hat sich Musil dieser Belastung eines ersten Buches entzogen, wie die Eltern des Törless sich ihres Sohnes entledigten: Er hat es ins Internat der Geschichte verwiesen zum ewigen Aufstand gegen den Direktor, von dem es fürs Gegenteil überzeugt werden will. Musil selbst („Die Angst des Kindes vor den Russen und vor den Arbeitern ist ohne Einfluß geblieben“) hat sich weggewandt von einer Kunstform Literatur in eine Existenzform Schreiben, in der die Larve sich entpuppt: „Warum haben meine Eltern nicht protestiert. Heute noch unverständlich. Mensch!“ Thomas Brasch

Robert Musil: „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“; BS 448, Suhrkamp, Frankfurt, 1975; 185 S., 10,80 DM

Robert Musil: „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“; rororo 0300, Rowohlt, Reinbek, 1979; 140 S., 3,80 DM