Ein Vierteljahrhundert deutscher Außenpolitik, ihre Struktur und Wandlungen

Von Kurt Becker

Wilhelm Grewe, von Hause aus Völkerrechtler und Rechtsprofessor, war einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegsdiplomaten – während der fünfziger Jahre im Auswärtigen Amt als einflußreicher Mitgestalter der Außenpolitik Konrad Adenauers, danach achtzehn Jahre lang als einer der großen Bonner Botschafter: in Washington, bei der Nato und in Tokio. Drei Jahre nach seinem Abschiedsbesuch beim Kaiser von Japan im Sommer 1976 hat Grewe das Vierteljahrhundert seines Lebens im Auswärtigen Dienst Revue passieren lassen. Es ist die Geschichte der deutschen Außenpolitik seit 1951, ihrer Grundstruktur und ihrer Wandlungen, freilich unter fast vollständiger Ausklammerung des westeuropäischen Einigungsprozesses. Grewe hat den Zuwachs an Sicherheit für die Bundesrepublik, an beträchtlichem Einfluß und an einer in diesem Ausmaß nicht erwarteten Selbständigkeit ebenso miterlebt wie die schweren Rückschläge, wenn die Bonner Ziele mit den machtpolitischen Interessen der Weltmächte kollidierten. Aus alledem ist ein zeitgeschichtliches Dokument entstanden:

Wilhelm G. Grewe: „Rückblenden. Aufzeichnungen eines Augenzeugen deutscher Außenpolitik von Adenauer bis Schmidt“; Propyläen Verlag, Berlin 1979; 811 S., 68,– DM.

Diese Memoiren sind eine ungemein anregende, streckenweise aufregende, im ganzen faszinierende Mischung von Bericht, Analyse und Reflektion. Grewe ist verschwenderisch umgegangen mit persönlichen Eindrücken von kritischen Konferenztagen – wie verhält sich da ein Bundeskanzler? – und mit porträtistischen Einsprengseln, die den herkömmlichen Bildern von Konrad Adenauer und John Forster Dulles, von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow noch einprägsames Kolorit hinzufügen. Zur Lebendigkeit der Erinnerungen trägt auch das Anekdotische bei, ebenso die Skizzen aus dem Alltagsleben eines Botschafters, der sein Amt mit den hohen Ansprüchen eines Patrioten auszufüllen versucht – nicht nur als Amtsperson im Umgang mit Regierenden und Diplomaten, sondern auch als unermüdlicher Vortragsredner, wenn nicht sogar Wanderprediger, und als Dialogpartner des Fernsehens und der Presse, um unablässig das Verständnis für die Interessenlage des eigenen Landes zu stärken. Grewe ist nicht nur ein brillanter Argumentierer, wie man es noch von seinen früheren außenpolitischen Büchern in Erinnerung hat: Er ist auch ein guter Erzähler, es gelingt ihm das Kunststück, den Leser über annähernd 800 Seiten hinweg fest an sich zu binden.

Das Kernstück der „Rückblenden“ bilden die ineinandergreifenden Versuche der deutschen Einordnung in das westliche Bündnis, der Wiederherstellung der deutschen Einheit und der Eindämmung der Berlin-Krise. Diese Politik wird mal in der Perspektive der Beziehungen zum wichtigsten Verbündeten, den Vereinigten Staaten, mal in der Perspektive des Verhältnisses zur Sowjetunion dargestellt, immer überwölbt von den Grundfragen der politischen und militärischen Sicherheit. Im Mittelpunkt steht die Epoche von 1955, als die Bundesrepublik der Nato beitrat, bis zum Ende der Berlin-Krise im Jahre 1962, in dem sich eine neue Ära ankündigte – die Entspannungspolitik zwischen Ost und West. In diesen sieben Jahren hat sich das Schicksal der deutschen Nachkriegspolitik langfristig entschieden: auf der einen Seite die Verankerung im Westen, aber andererseits auch die allmähliche Erosion und schließlich das Scheitern der Wiedervereinigungspolitik, das die große Revision der Bonner Außenpolitik beschleunigt und zur Öffnung nach Osten geführt hat. Sie wurde 1969 mit der neuen Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition proklamiert, der Grewe, ob wohl selber in den sechziger Jahren moderner Protagonist einer veränderten Ostpolitik, in kritischer Distanz gegenübergestanden hat. Er wurde bald nach Willy Brandts Übernahme des Kanzleramts in seiner Nato-Mission abgelöst und auf den wichtigen, aber außerhalb des Zentrums der Bonner außenpolitischen Prioritäten liegenden Botschafterposten in Japan versetzt.

Der historische Anspruch