Das Staatsoberhaupt and der Parlamentspräsident, der Bundeskanzler und viele andere aus der ersten politischen Reihe bei der Beerdigung: das sagt mehr als alle Nachrufe, so betroffen sie auch waren. Politische Mitstreiter wie Gegner wissen, daß für Hermann Schmitt-Vockenhausen, der als 56jähriger an den Folgen einer schweren Operation gestorben ist, nichts mehr nachwächst, jedenfalls nicht diese Art Sozialdemokrat.

Das gilt nicht für den Bundestagsvizepräsidenten Schmitt-Vockenhausen, obwohl ihn an der freundlichen Bestimmtheit, mit der er das Plenum dirigierte, so leicht keiner übertreffen wird. Die Verbindung zu den Katholiken, deren Zentralkomitee er angehörte, und in den kleinen Mittelstand hinein können auch andere halten. Und ebenso wird es nicht an einem neuen Präsidenten des Städte- und Gemeindebundes fehlen.

Fehlen und unersetzbar sein wird aber jener Schmitt-Vockenhausen, der intensive Wahlkreisarbeit und aktive Kommunalpolitik vor Ort nicht nur deshalb betrieb, weil sie das Bundestagsmandat zu sichern pflegen, sondern weil er den alltäglichen politischen wie geselligen Umgang mit den Bürgern für unerläßlich im politischen Handwerk hielt. Wie Antaeus zog er daraus, im heimischen südhessischen Wahlkreis Groß-Gerau, den er ununterbrochen seit 1953 vertrat, seine Kraft. Solche Verwurzelung wird selten, gerade in der SPD.

Fehlen wird er aber auch als einer, der sich in allen Windungen des Bonner politischen Betriebs auskannte. Die flinken Trippelschritte, mit denen er seinen schweren Körper vorantrug, wirkten dafür wie symbolisch. Und Macht konnte er sehr gut handhaben samt allen Schlichen, zum Beispiel als Vorsitzender des Innenausschusses während der sechziger Jahre. Aber er war keiner jener früh angepaßten Techniker der Macht, wie sie den Bundestag zu besetzen beginnen. Vielmehr hatte er eine Menge Ecken und Kanten; mit ihm aneinanderzugeraten, konnte durchaus unangenehm sein.

Für viele aus der neuen, der jüngeren SPD war er in der Regel „rechts“ oder „konservativ“, und das meistens sehr kräftig, häufig schwer zu ertragen. Er hatte es dann in der Partei auch ziemlich schwer. Aber er war, persönlich wie politisch, ganz unverwechselbar, und das macht seine Unersetzlichkeit wie die Betroffenheit aus, die sich jetzt an seinem Grabe offenbart.

Carl-Christian Kaiser