Carlo Schmid: Die Memoiren sind geschrieben – Das Haus ist bestellt – Worte über den Tod

Von Ben Witter

Garlo Schmids Haus am Berghang in Orscheid bei Bad Honnef hat einen Raum zu wenig. Deshalb steht ein Teil der Bibliothek im Keller. Aber wo man auch sitzt, die Blicke gehen immer wieder zum Schreibtisch. Und eng nebeneinander in einer Reihe auf einem niedrigen Bücherbord und dem hohen unter der Decke: Sammlerstücke aus China und was aus Platzmangel noch dazu mußte. Und in den Sesseln, keiner ist wuchtig, kann man höchstens einnicken, um danach gleich wieder einverstanden zu sein mit allem ringsherum.

Als ich kam, saß Carlo Schmid am Schreibtisch und war dabei, ein weiteres Kapitel aus de Gaulles Buch „Die Schneide des Schwertes“ zu übersetzen. Beim Aufstehen fing er mit der Innenfläche seiner Hand ein herabrutschendes Blatt auf und schob es zu den anderen. Die Schonkost hatte Polster abgezogen, der Pullover betonte die schnurgerade Linie vom Halsansatz zum Gürtel, und erst im Sessel hoben sich seine Augenlider.

Ich sagte, daß man auch mit weniger Worten auskommen könnte, heute mittag. – „Es wird der Freude keinen Abbruch tun“, sagte er und zitierte eine Stelle aus dem Buch und hielt seine Übersetzung dagegen: „ich brauche doppelt soviele Worte wie de Gaulle.“ Carlo Schmid lehnte den Kopf an. Ich sagte, wie alt ich bin, und setzte mich auf einen niedrigen Stuhl. „Und wer ist schuld an Hitler“, sagte er gleich, „ich bin schuld, ich und meinesgleichen. Ich hatte ‚Mein Kampf gelesen, hielt mich aber für zu fein, zu gebildet und zu hochmütig, um eine Auseinandersetzung überhaupt in Betracht zu ziehen.“

Er versuchte, seiner Stimme die gewohnte Fülle zurückzugeben; sie klang dadurch nur tiefer, aber noch nicht kräftig: „Im Klischee war mir klar, was kommen würde. Und darüber schrieb ich ihm im Mai 1945 auch sofort, und dann...“ Ich kürzte die Pause ab: „Dann kam ja das Grundgesetz.“ – „Ja, es ist ein Stück von mir, auch das Godesberger Programm, und beide können und sollten noch lange leben.“ Carlo Schmid richtete sich auf und sagte: „Lassen Sie uns jetzt nach draußen gehen, in die Regenluft.“