ARD, Freitag, 3. August: „Schalke 04: Ein Fußballklub und sein Revier“, Bericht von Jürgen Bertram und Lutz Mahlerwein

Ein Film über Schalke 04, die Fußballmannschaft aus dem Revier, und ihre Gemeinde? Nichts leichter als das! Man zeige ein paar singende ältere Herren am Tresen, dazwischen ein München, lasse den Alkohol strömen, die Lieder brüllen, wir steigen niemals ab, halleluja, und die Schals und Fahnen schwingen, lasse die Oldtimer von den elf Kumpels und die jungen Fans von den Vierhunderttausend-Mark-Stars schwärmen. Und dann noch etwas Kolorit, Haldentraurigkeit und Schrebergartenglück, das Parkstadion als Zirkus derer aus dem Pütt, dazu zum wiederholten Male die Kneipenkumpanei aus blau und weiß – und fertig ist der Fußballfilm! Milieu in Hülle und Fülle und Statement an Statement: ein wahrer Rausch von Altbier-Redseligkeit!

Als ob sich das Phänomen Schalke durch eine Häufung von Reden und Gesängen darstellen ließe! Als ob es genügte, ein paar Stichworte in die Debatte zu werfen (Fußball als Ventil zum Dampfablassen in Gelsenkirchener Streßsituation, der Verein als Ersatzheimat, die Kurven-Kameraderie als das Gemeinschafts-Surrogat), um die Besonderheit der blau-weißen Aura zu erklären.

Schalke, das Symbol eines Wunders, das die Belächelten zu Helden werden. läßt und aus scheel angesehenen Leuten mit polnischen Namen, dieser Unzahl von Deklassierten, Traumfiguren schafft, deren Abglanz auf die Glücklosen fällt, die mit den Tibulski und Kalwitzki, Kuzorra und Szepan Straßenkickplatz, Kneipe und Schulbank gemeinsam hatten?

Hier hätte man ansetzen müssen, in entschlossenem Zugriff, hätte den Unterschied zwischen der Identifizierung mit den Kumpels von nebenan und den Stars von überallher verdeutlichen müssen: Was verändert sich bei zunehmender Anonymität der Beziehungen, in Schalke so gut wie in Manchester? (Ein Blick über die Grenzen hinaus, ins englische Industrie-Revier, wäre nützlich gewesen: in vergleichbarer sozialer Lage ein ähnliches Fußball-Syndrom.)

Schalke – das Paradies der Zukurzgekommenen, die ihre Hoffnungen auf eine Mannschaft projizieren, deren Abstieg gleichbedeutend mit dem Abbruch von Traumbrücken gewesen wäre: mit der Unmöglichkeit von Flucht in stellvertretendes Glück – nein, man hätte kein Sigmund Freud zu sein brauchen, um die Gedanken der Jungen und Alten vom Schalker Markt zu analysieren, Gedanken, die jenen elf gelten, die neunzig Minuten lang im Stadion tun dürfen, was den fünfzigtausend eine Fünftagewoche lang vor Ort versagt bleibt: aufzuspielen und alles auf eine Karte zu setzen.

Beschreibung eines Jubiläums bei Schalke: Ein faszinierendes Stück deutscher Sozialgeschichte hätte dabei herauskommen können. Und dazu wäre nichts weiter – nichts weiter! – nötig gewesen, als die Oberflächenbeschreibung der Faszinierten durch eine knappe und präzise sozialpsychologische Analyse zu ergänzen. Und außerdem wäre es freilich nötig gewesen, sich ein bißchen genauer mit dem Schalker Fußball zu beschäftigen.