Nicht nur der Feigling, auch der Häuptling, überhaupt jedes germanische „ling“ ist uns anrüchig geworden, wieso, das weiß ich nicht. Von Jugend auf zur Ehrfurcht vor der Jugend erzogen, richte ich mich trotzdem danach. So sprach ich einen Jüngling, dem ich begegnete, nicht als solchen an, sondern fragte respektvoll, wer oder was er sei. „Ein Auszubildender“, antwortete er. „Der arme Junge!“ dachte ich. Dabei wirkte er vergnügt und lebensklug, und wandte sich auch prompt von mir ab und einem hübschen Mädchen zu, sobald eins auftauchte. Ich aber legte eine Denkpause ein.

Da tauchte nun der alte Cato vor mir auf, der ja immer wieder auf seinen Dollpunkt zurückkam und ins Parlament hineinschrie: „Und was ich sonst noch sagen wollte ... Censeo carthaginem esse delendam!“ Karthago, die aufblühende Konkurrenz zu Rom, sei ein Zuzerstörendes; das dicke Ende blieb schließlich nicht aus!

Diese Cato-Erinnerung aber führte mich darauf, daß in der Bundesrepublik ebenfalls raumfüllende, maßgebende Stimmen gesagt haben müssen, unsere Jugend sei eine auszubildende. Dem Hall dieser Worte nachlauschend, bemerkte ich, daß ein „Zufangender“ noch lange kein Gefangener, geschweige denn ein Häftling sei. So wie ein Zuspeisender noch nichts zu essen kriegte und ein Zubekleidender selbst in den großen Tagen der Berliner Oberbekleidung noch nichts am Leibe hatte. Ergo steht einem oder einer Auszubildenden – so werden, wie ich höre, gegenwärtig große Teile der bundesdeutschen Jugend genannt – die Ausbildung noch bevor.

Als sich der junge Mann von dem Mädchen ab- und mir wieder zuwandte, gab er jedoch auf Befragen zu, daß seine Ausbildung längst begonnen habe, vor Jahren schon. Nächstes Jahr würde er Geselle sein.

„Geselle“, ja, das ist ein Wort! Bis dahin, bis zum Gesellentum, aber verlangt der Respekt vor der Jugend die Feststellung, daß ein moderner knackiger Junge ein Erwachsener wird, ohne jemals Jüngling, und Geselle wird, ohne Lehrling gewesen zu sein; sonst wäre er beknackt.

Den „Lehrling“ abzuschaffen, ist wohl ein Akt behördlicher Höflichkeit gewesen. So wurde ein Schulmeister, trotz dieses schönen Titels, zu einem Lehrer; so auch ein Volksschul- zu einen Hauptschullehrer, denn Haupt ist mehr als Volk. So wurde, aus einem Kellner ein Ober. So wurden aus unterentwickelten Völkern – hoppla! – Entwicklungsländer oder, wie es in Frankreich heißt, „Völker auf dem Wege zur Entwicklung“.

Was nun aber die jungen Leute beiden Geschlechtes betrifft: Vielleicht haben sie selber Anlaß zu ihrer umständlichen und falschen Bezeichnung gegeben, indem sie den Obrigkeiten zuriefen: „Wir wollen nicht dauernd auf der Straße herumlungern. Wir wollen ausgebildet werden. Wißt ihr denn, wen ihr vor euch habt, wir sind Auszubildende! Verstanden?“