Bottlinger: Viele Jugendliche stehen der Gesellschaft der Erwachsenen mit Distanz gegenüber, fühlen sich unverstanden, teilweise sogar betrogen. Sie haben wenig Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft. Manchmal scheint es fast so, als seien sie Fremde in unserer Gesellschaft. Ausbildungs- und Berufsnot mögen dabei eine große Rolle spielen, aber ich meine, es muß auch noch andere Gründe dafür geben. Daher zunächst eine Frage an den Soziologen: Gibt es so etwas wie ein gemeinsames Bewußtsein junger Leute?

Hornstein: Die Jugendlichen heute machen kein großes Gerede. Sie machen keinen Aufstand, leisten keinen Widerstand. Sie passen sich an. Aber es ist so etwas wie eine erzwungene Anpassung. Mir scheint, daß die eigentliche Problematik nicht in den Anforderungen liegt, denen sich junge Leute heute gegenüber sehen, sondern in der Widersprüchlichkeit der Anforderungen. Da ist einerseits eine offensichtlich als steigend erfahrene Anforderung in der Schule und in der Ausbildung, andererseits aber die Sorge, ob diese Anstrengung wirklich einen Sinn hat.

Bottlinger: Haben denn junge Leute wirklich dieses Bewußtsein? Wie seht ihr das?

Abiturient: Da gibt es zwei verschiedene Entwicklungen. Einerseits sicher eine Entpolitisierung. Das merkt man zum Beispiel, wenn man versucht, etwas mit der Schülermitverwaltung oder mit Schülerzeitungen zu machen. Da sind meistens ziemlich wenig Leute, die sich daran beteiligen. Andererseits aber, glaube ich, gibt es auch eine ziemlich starke Strömung bei Jugendlichen, die sich zum Beispiel in Sachen Umweltschutz sehr engagieren. Und wer hat denn jetzt in Hannover im April gegen die Wiederaufbereitungsanlage demonstriert? Das waren doch vor allem Jugendliche.

Zander: Mir scheint, daß wir bei Jugendlichen eine allgemeine Zukunftsangst wiederfinden, die in der gesamten Gesellschaft verbreitet ist. Wir sind jetzt konfrontiert mit Problemen, wie den Grenzen des Wachstums, dem Mangel an Rohstoffen. Die junge Generation heute hat daneben auch besonders unglückliche Umstände erlebt: Die geburtenstarken Jahrgänge drängten in einer Zeit in Ausbildung und Arbeit, in der wir die weltweite Rezession hatten und zugleich in der Arbeitswelt neue Techniken entwickelt wurden, die mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen verbunden sind. Drei Faktoren, von denen jeder für sich schon genügend Probleme aufwirft, kommen bei dieser Generation zusammen.

Wissmann: Die Mehrheit der jungen Generation engagiert sich nicht politisch. Es gibt sicherlich weniger politisch engagierte Jugendliche im Hochschulbereich als vor einigen Jahren. Aber in den ganzen dreißig Jahren Bundesrepublik war es bedauerlicherweise immer nur ein kleiner Teil, ein Bruchteil der Jugendlichen, der überhaupt politisch war. Selbst die Studentenbewegung Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre war ja entgegen einem verbreiteten Eindruck keine breite Mehrheitsbewegung der Jugend.

Student: Ich glaube, daß die Angst für das Verhalten der Jugend eine ganz zentrale Rolle spielt. Der Mensch ist im Betrieb nicht als Mensch gefragt, sondern als Funktion, hat ein Manager der BASF zum Beispiel gesagt. Und dies ist ja nicht nur im Betrieb so, sondern dies ist auch in allen anderen Bereichen der Gesellschaft so. Die Entmenschlichung bringt die junge Generation dazu, sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen, sich in Kleingruppen zu privatisieren, läßt ihr Engagement in den politischen Parteien zurückgehen. Ich glaube, daß die Politik der etablierten Parteien hierauf nicht eingeht. Man beruhigt sich damit, daß arbeitslose Jugendliche angeblich kein Problem mehr sind. Alle Forschungsergebnisse belegen aber, daß wesentlich mehr Jugendliche arbeitslos sind, statistisch aber nicht erfaßt werden, weil sie aus Angst vor Bürokratie nicht mehr zur Arbeitsverwaltung gehen.