Von Gunter Hofmann

Links und rechts – es schien einmal so wunderbar fraglos zu sein, was damit gemeint ist. Links – das hieß vor allem: gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze, gegen die Große-Koalitions-Mentalität und alles Etablierte, für mehr demokratische und soziale Reformen ganz generell, für Fortschritt nicht zuletzt. Links, das bedeutete ursprünglich „ja“ zur Aufklärung, „nein“ zur Romantik. Es hieß „ja“ zu Konflikt, Ungehorsam und Mündigkeit, „nein“ zu Ordnung, die sprachlos verinnerlicht war.

Auch die Rechte erkannte sich in dieser Unterscheidung, sie drückte sie bloß anders aus: sie verteidigte ihre Werte gegen Ansturm und Pathos von Aufklärung und planender Rationalität, das „Gewachsene“ als natürliche Ordnung, Realpolitik gegen Utopismus, Gemeinwohl gegen Einzelinteressen und den einzelnen zugleich gegen das sozialistische Kollektiv.

Vermutlich glaubt man rechts noch immer, die Linke entspräche diesem Bild, und vermutlich meint man auch links, die Rechte sei so, wie sie im Spiegel der eigenen Ideale erscheint. Wer Strauß oder in Traditionen befangenen Sozialdemokraten im Wahlkampf zuhört, kann daran kaum zweifeln. Aber unter dieser Oberfläche keimt neue Nachdenklichkeit. Etwas zaghafter, auch undeutlicher rechts, ziemlich spürbar dagegen auf der Linken: Wo immer sie heute ihre Krise diskutiert – und nichts treibt sie mehr um – schwankt sie zwischen einem Zustand heiterer Resignation und selbstkritischer Zerknirschung.

Erschüttert hat das vertraute Schema von links und rechts vor allem die ökonomische Krise Mitte der siebziger Jahre. Die linken Ökonomen hatten für die Jahre seit 1973, seit sich also der Wachstumshimmel verdüsterte, nicht allzuviel prinzipielle und obendrein umsetzbare Alternativen in Händen. Auch sie empfahlen wieder Keynes gegen Friedmann, mehr Steuerung gegen mehr Markt. Den Aufschwung mit Staatshilfe besorgen – das wollte aber auch Helmut Schmidt. Oder die Kernenergie: ist links, wer dagegen, und rechts, wer dafür ist? Ist fortschrittlich, wer auf technologische Segnungen setzt, rückschrittlich, wer sie verhindert? Ist Eppler links? Fehlt es der SPD-Linken nun zufällig an Führungsfiguren?

Am auffälligsten begegnen sich beide Seiten, wo es um Wachstum, Lebensqualität und die Folgen technokratischen Handelns für das „Raumschiff Erde“ geht. Der Kommunist Wolfgang Harich, der sich jetzt in Wien einrichtet und künftig ein „Grüner“ genannt sein will, und der Konservative Herbert Gruhl, aus Protest gegen die Wachstumspolitik der CDU zu den Ökologen abgewandert, symbolisieren diese seltsame Liaison. Sie empfehlen beide aus ökologischen Rücksichten eine Art autoritärer Verteilungsdiktatur.