Man hat stets viel Aufhebens gemacht von den technischen Kühnheiten, vom Kamera-Auge, von der Weltwochen schau und den biographischen Montagen dieser Trilogie. Von filmischen Sequenzen war die Rede, von einem Joyce für Gutgesinnte. Wer hingegen heute die drei Bände liest, gerät in den Sog einer Erzählweise, die eher an den Zola der „Beute“ oder an die Bovary erinnert. Mehr noch: so wie sich die verschiedenen Lebensläufe des beispielhaften Personals abwickeln, mit ihren austarierten Hochzeiten, mit Unfalltod und Zufallsbekanntschaften, die den einen Lebenslauf mit dem anderen verknüpfen, hat man zuweilen gar den Endruck, einen Kolportage-Roman in den Händen zu halten. Ein Schaden muß das nicht unbedingt sein. Dos Passos ist ein Artist, er ist aber gleichzeitig ein Autor mit erhobenem Zeigefinger, der nicht nur mit den grob montierten Schlagzeilen der „Wochenschauen“, sondern vor allem mit rhythmisch eingesetzten Redewendungen, mit einer Rollenprosa und den aus Tarnsprachen stammenden Gedankenflügen das Amerika vor, in und nach dem Ersten – Weltkrieg schildert.

Der Waschzettel spricht von der Darstellung einer seelenlosen Gesellschaft. Aber hat es Dos Passos nicht mit der Seele? Er zeigt den Aufsteiger, der, im Verlauf des Aufstiegs, zunehmend an Individualität verliert und nur noch eine Haltung illustriert, die den Aufstieg ermöglicht. Gerade hier aber, wo Klassen-Übersprünge stattfinden, wirkt ein kolportagehafter Umschlag im Seelenleben, ein an den Nerven zerrender Börsen-Coup, eine vom Gefühl beileibe nicht. freie Affäre, satirischer noch als die oftmals offen ausgedrückte Parodie. Auf der anderen Seite mühen sich die Habenichtse in einer Welt der Destillen, der Tagelöhnerei und der Schlafstellen mit dem Überleben ab: einige dumpf, andere ehrgeizig und wieder andere politisch bewußt. Dos Passos hat einmal von den zwei Nationen gesprochen, in die Amerika gespalten ist. Während im Buch nun der Hochfinanz eine sonderbare Schattenhaftigkeit eigen ist, steht die Armut greifbar, militant, wie man es nennen kann, da. Saubere Gewerkschafter und Sozialisten, die es schließlich in Amerika auch einmal gegeben hat, spielen den unheroischen, oftmals sogar vom Kleinkram zermürbten Gegenpart.

Frappierend ist die Aktualität der drei Bände, und das nicht nur, was Amerika betrifft. Eine Figur, J. Ward Woorehouse genannt, geistert durch die Bände als Reklamehyäne, die Strandhäuser erst und später den Wohlstand für alle preist.

Was hierzulande anfang der fünfziger Jahre in den Anzeigen einer Gesellschaft namens „Die Waage“ stand: wir ziehen alle am gleichen Strang, beispielsweise, oder: wer krempelt die Ärmel hoch, unsere Arbeiter und Unternehmer gemeinsam – dergleichen Sprüche arbeitet J. W., wie er als Respektsperson im Kreis seiner Mitarbeitet genannt wird, in langen Sitzungen und Stabsberatungen aus. Dos Passos hat in keiner Weise ein Monstrum beschrieben. Weil aber dieser Ward zunächst einmal als durchaus einnehmende Figur geschildert wird, Dos Passos also die Karten verdeckt hält, weist er durch fast unmerklich einsetzende Schübe auf die Deformation einer ganzen Gesellschaft hin. Die Monster, kurz, lösen sich allmählich von einem Diorama ab, das aus familiären Albumphotos besteht.

Auch wird die Geschichte von Margo, einem Hollywoodstar, erzählt. Ein Töchterchen kommt mit einem ungewollten Kind nicht zu Rande. Joe Williams, ein Gelegenheitsmatrose, stirbt einen absurden Tod. Eveline und Eleonore, zwei abenteuerliche Herzen aus der Provinz, verleihen in Paris und Manhattan ihrem Alltag Schick. Ben, ein Idealist mit Ecken und Mary, eine Idealistin mit realen Konturen, arbeiten für die Revolution. Ähnlich wie die Folgen der Rougon-Macquarts, spielt von Band zu Band der Fortgang mit dem suspense und der Leseneugier.

(rororo 4346, 3 Bände, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1979; 479, 543 und 591 Seiten, 38,– DM) Hans Platscbek