Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

So ganz zur Ruhe kommt Bonn in diesem Sommer nicht. Zwar läuft der politische Betrieb weithin auf Null: im Parlament, das erst Mitte September wieder zusammenkommt, ohnehin. In seinen Fluren wäre es noch stiller, gäbe es nicht hin und wieder Kinder, die auf den Bürodrehstühlen Karussell fahren, mitgebracht von den Mitarbeiterinnen der Abgeordneten, die eben mal nach der Post sehen. Und auch in den Ministerien wird noch im Schongang gearbeitet, obgleich die Bonner Schulferien schon vorüber, die beamteten Väter also wieder zurück sind. Aber irgendwie wurde und wird es niemals so urlaubsstill und ferienleer, daß sich die Zurückgebliebenen sagen können, nun geht rein nichts mehr. Der Bonner Sommer ist diesmal eine merkwürdige Mischung zwischen völliger Ruhe und immer wieder aufflackernder Aktivität.

Der Kanzler ist dafür durchaus repräsentativ. Gewiß, die eine Woche auf den Lofoten: das war völlige Abgeschiedenheit. Doch gleich darauf, bei der Stippvisite bei seinem Freunde George Shultz in Kalifornien, gab es schon wieder allerhand politische Gespräche. Nun sitzt er in seinem Häuschen am Brahmsee. Aber bereits in der nächsten Woche wird wieder das Angenehme mit dem Nützlichen, das Private mit dem Politischen verbunden: bei dem Törn auf dem Gaffelschoner „Atalanta“ zunächst nach Bornholm, wo Helmut Schmidt den dänischen Premier Anker Jørgensen sehen wird, und dann in „Richtung Heia“, zu einem Treffen mit dem polnischen Parteichef Edward Gierek.

Darauf wieder am Brahmsee, bis Anfang September. Doch man kann, sicher sein, daß er dort eine ganze Reihe von Parteifreunden, wahrscheinlich auch Abgesandte des liberalen Koalitionspartners und andere ihm wichtige Leute empfangen wird – so wie er kürzlich für einen Tag wieder in Bonn auftauchte, um streng geheim mit Gewerkschaftsführern zu bereden, was für den Herbst an Problemen auf der Agenda der Wirtschafts- und Energiepolitik steht.

Gewiß, vollkommenes Abschalten, Untertauchen vom ersten bis zum letzten Ferientag, ist für Politiker ohnehin kaum möglich, schon gar nicht für einen Regierungschef. Aber diesmal hat der Sommerurlaub etwas Stückhaftes, für den Kanzler wie für manche anderen Politiker auch. Ausnahmen bestätigen nur die Regel, selbst wenn sie Hans-Dietrich Genscher heißen. Der Außenminister war volle vier Wochen in Florida, beinahe wie verschollen. Zwar funktionieren die transatlantischen. Telephonverbindungen glänzend, doch offenkundig bildete die weite Urlaubsdistänz so etwas wie eine Hemmschwelle. Jedenfalls berichten Genschers Mitarbeiter, so viel Ruhe habe er noch nie gegeben.

Aber jetzt geht es gleich wieder in die Vollen: Unmittelbar nach Florida Besuche bei Jimmy Carter, Außenminister Varice, Verteidigungsminister Brown sowie Sicherheitsberater Brzezinski in Washington, und, zurück auf dem europäischen Kontinent, Treffen mit seinen holländischen, luxemburgischen und belgischen Amtskollegen; dann Besuch in Jugoslawien, darauf neue Reisen in den Nahen Osten. Und sein Parteifreund Graf Lambsdorff wird in Südamerika unterwegs sein, auch er schon wieder ganz in Amt und Hektik.