Von Barbara Hartelt

Paris

Im stillen Cabourg war der Teufel los. In einer Julinacht brachte der mit einer rollenden Diskothek ausgerüstete „Transpalace Express“ 650 exotische Pariser Nachtvögel in den, biederen Familienbadeort an der normannischen Küste. Picassos Tochter Paloma kam in schwarzer spanischer Witwentracht, eine unbekannte Schöne trug blaue und silberne Schwimmwesten auf dem Leib, eine andere war unter rotem Tüll und schwarzen Netzstrümpfen gänzlich nackt. Zarte Knaben hatten dickes Make-up aufgelegt und zwinkerten mit künstlichen Wimpern in allen Farben des Regenbogens. Einheimische und Urlauber reckten aufgeregt die Hälse, um einen Blick auf die hauptstädtische Fauna zu werfen.

Champagner und Whisky flossen gratis im Zug und später im Anbau des Grand Hotels, wo schon Marcel Proust seine Sommerferien verbrachte.. „Gaspi, Gaspi“, die neue Wortschöpfung der französischen Regierung für (Energie) Verschwendung, skandierten streikende Arbeiter beim Anblick der Jetsetter, Ausgeflippten und Homosexuellen, die über den beschaulichen Ort hereinbrachen.

Gastgeber Fabrice Emaer weihte in Cabourg die erste Filiale seiner Pariser Superdiskothek „Le Palace“ ein. Seit über einem Jahr toben dort Tanzwütige im Discosound von der Friseuse bis zum Grafen und vom Punk bis zur Vorstadthausfrau. Vorbild des Palace, das in der keineswegs schicken rue Faubourg Montmartre gegenüber vom Billigspeiselokal Chartier liegt, ist das New Yorker Studio 54.

„Le Palace“ ist der Ort, wo in den zwanziger Jahren Maurice Chevalier und die Mistinguette auftraten. Das Theater sollte zunächst abgerissen werben, später besann man sich aber anders und stellte das mehrstöckige Gebäude mit dem Art Deco Interieur unter Denkmalschutz.

Emaer, der gern von der Armut seiner Jugend spricht, ließ es sich rund sieben Millionen Mark kosten, das Theater originalgetreu zu restaurieren und mit den nötigen Discoattributen auszustatten. In vier Bars servieren Kellner mit aufgeplusterten, geflügelt anmutenden Schultern die Getränke. (Ein Drink ist im Eintrittspreis von 25 Mark inbegriffen, mehr muß man nicht bestellen.) Auf zwei Tanzflächen drängeln sich an einem einzigen Abend bis zu 3000 Amüsierwillige. Sie kommen nicht nur, um zu sehen und gesehen zu werden, sondern bewegen sich am liebsten, in den eigenen Anblick versunken, vor gut ausgeleuchteten Spiegeln im Solotanz. Rauch- und Nebelmaschinen, ausgetüftelte Beleuchtungsapparaturen und 2000 Watt starke Lautsprecheranlagen geben der Schau etwas Phantastisches.