Von Peter Rühmkorf

20. März 1979. Die Einladung kam überraschend und ungelegen und trug zweierlei Handschrift. Auf der einen Seite vorgedruckte Anwerbepapiere eines „Fourth World Congress of Poetry“ in Seoul/Korea, auf der anderen eine Siebeneinhalb-Zeilen-Nachricht des Goethe-Instituts dortselbst: „Als deutschem Kulturinstitut läge uns aus mehreren, nicht unbedingt kongreßbezogenen Gründen an der Teilnahme zweier oder dreier deutscher Dichter.“ Ich blickte bedenkenvoll in meinen gepantherten Reisekalender (27. Juni Köln, 28. Juni Marbach, 29. Juni Stuttgart), dann auf den Globus, in den Atlas, Richtung Südostasien (30. Juni Abflug Hamburg via Anchorage–Tokio–Seoul) – das wäre wohl bloß bei fliegendem Kofferwechsel zu bewältigen.

17. April. Die Einladung noch mal kritisch gegens Licht gehalten: „Korea, das Land der Morgenstille, das auf eine jahrtausendalte Geschichte zurückblicken kann, hat sein Haupt wieder erhoben und bereitet sich auf eine neue Blütezeit vor. Auf allen nur möglichen Gebieten sind unglaubliche Fortschritte erzielt worden.“ Kathederblüten. PR-Poesie. Lyrische Regimentsmusik. Alter Vorbehalt meinerseits: wo Dichtung ranklotzt, als ob sie Parfüm verkaufen will, kann man sicher sein, daß Gestank überdeckt werden soll. Und – stank das etwa nicht zum Himmel, was der weltberüchtigte Geheimdienst nun schon jahrzehntelang an Schmutz produzierte. In den 60er Jahren hatte man den Komponisten Isang Yun aus der Bundesrepublik entführt und in Seoul vor Gericht gestellt, das war noch seltsam klar in der Erinnerung. Unvergeßlich wohl auch das Kidnapping des Oppositionspolitikers Kim Dae Jung in einem Tokioter Hotel Anfang März 1973. Und daß man die dissidentischen Dichter einzubunkern pflegte und aufrecht abweichende Kirchenmänner jahrelang der Freiheit und der bürgerlichen Ehrenrechte beraubt hatte, war ja auch nicht ganz unbekannt geblieben. Da sollte jetzt also „World Brotherhood and Peace through Poetry“ verkündet und das von Staatssicherheits wegen zerscherbte Celadon mit Lyrik gekittet werden?!

21. April. Der PEN verschickt Protest-Petitionen, in denen die Freilassung des Dichters Kim Chi Ha gefordert wird. Berate mich mit Freunden von VS und „amnesty international“, ob man die Gelegenheit wahrnehmen und – wo nicht den Kongreß infiltrieren – so doch neue Nachrichten aus dem Land der Morgenstille/Friedhofsruhe herausluchsen solle. Schließlich, eine Unterschrift mehr oder weniger macht noch keinen politischen Mai, und die ständige Sorge um ein gutes Gewissen hat noch nichts mit Moral zu tun. Hielt meine Unterschrift zurück und fand eine mögliche Identität in der Methode Wallraff.

1. Juli. Nach vierundzwanzigstündigem Flug und sechsmaliger Durchfilterung von Haffner-Sinfonie und Beethovens Violinkonzert D-Dur auf dem Kimpo-Flughafen in Seoul (sprich „soul“ wie Seele) gelandet. Wurde vom Goethedirektor Dr. Lechner direkt an der Gangway abgeholt (Diplomaten-Amulett am Hirtenwams), und wir blickten uns erst mal vorsichernd-abtastend in die Augen: sind’s gute Kind, sind’s böse Kind? D. h. wollte der (von ihm aus gesehen) sich nur ein paar lustige Tage im schwülen fernen Osten machen, beziehungsweise der sich über den Festspielgast die Wichtigkeit seiner weltabgeschiedenen Raumstation bestätigen lassen. Korea, so hatte ich mittlerweile gelernt, schien nicht gerade ein bevorzugtes Reiseziel unserer Wanderartisten zu sein; und auch die Dichter Enzensberger und Wondratschek hatten sich hinter den Schutzwall „Arbeitsüberhäufung“ zurückgezogen; sollten hier also gesellschaftliche Rollen gespielt werden? Gerieten dann aber angesichts der doppelmannshohen Carter-Park-Porträts und der straßenüberspannenden Triumphpappen sehr bald in klärende Gespräche über Menschenrechte im allgemeinen und Menschenverfolgungspraxis im besonderen, da schien auch der amerikanische Präsidentenbesuch noch Lücken gelassen zu haben. Mehr noch, „The most important human right in devided Korea is to protect the survival of the 35 million people from aggression by north Korea“, das wollte doch erst mal richtig verdolmetscht sein, und ich übersetzte es gelegenheitshalber einmal faustisch-goethisch: „und kann ich, wie ich bat,/mich unumschränkt in deinem Reiche schauen,/so küß’ ich, bin ich auch von Haus aus, Demokrat,/Dir doch Tyrann, voll Dankbarkeit die Klauen.“ Ah, sagte der kenntnisreiche Doktor, die Paralipomena, die haben uns schon oft die trübe Welt erklären helfen.

2. Juli. Untergebracht im neu errichteten Hotel Lotte, einer Unternehmung des heimischen Lotte-Konzerns (Kaugummi, Wodka, Cider, Parfüm, Toilettenartikel) und einem Plusquamperfekt an internationaler Ungediegenheit. Zwischen dem ewig unerlösten Taxistau vorm Portal und künstlichen Wasserspielen hinter der verglasten Rückwand findet genau jene stereoplüsche Lebenspoesie statt, die der Prospekt als „aufregend vitale Collage westlicher und östlicher Kultureinflüsse“ lobpreist und die in dem Konferenzthema „Ost und West in der Poesie“ wohl noch einmal eine idealische Rückspiegelung erfahren soll. Empfingen auch gleich bei Betreten der PR-Arena kleine schwarze Aktenköfferchen mit präparierten Papieren: zwei Anthologien mit dem Titel „friends“, Veranstaltungskataloge, Denkunterlagen, Indoktrinationsbeihilfen, Einladungskärtchen, Reiseprospekte, Werbebroschüren („Tatsachen über KOREA – Der Inhalt darf teilweise und auch im ganzen ohne Genehmigung des Herausgebers nachgedruckt werden“), kurz, jene Sorte von Propagandamaterial, die dem Einfaltspinsel eine redliche Morgengabe scheinen mag. Vermißte bei dem ganzen bunten Überfluß nur eines: den Zimmerschlüssel für das Appartement, das ich mit einem „Roommate“ zu teilen hatte – keinem Playmate, sondern dem Dichter Rudolf Hagelstange. Was dieser in nobler Geistesabwesenheit gar nicht zur Kenntnis genommen hatte und was er allenfalls für orientalischen Schlunz hielt, schien mir allerdings Methode und weckte alt eingefleischte Besorgnisse um die Unversehrtheit der Wohnung. Konnte sich doch jederzeit jemand an unseren Sachen zu schaffen machen, ohne daß wir unsererseits in der Lage waren, einen Zudringling zu ertappen. Schlag den gebührenden Krach zwischen Rezeption und Veranstaltungsleitung, den Rang der hohen Hotellerie infrage stellend, ein Vorwurf, der den Prestidigitateur hinterm Tresen tatsächlich noch vor Mitternacht einen Schlüssel ans Licht zaubern ließ.

Stadt ohne Menschen