Die „Polisario“, die Befreiungsfront der Westsahara-Beduinen, hat einen großen Erfolg errungen: In einem Friedensvertrag mußte Mauretanien auf Besitzansprüche in der Westsahara verzichten.

Die überraschend schnelle Einigung zwischen Mauretanien und der Polisario über einen Friedensvertrag im Saharakonflikt und dessen Unterzeichnung in Algier hat im Maghreb die Angst vor dem Ausbruch eines offenen Krieges zwischen Marokko und Algerien verstärkt. In Reden von König Hassan II. und seines nationalistischen Außenministers Boucetta hatte Marokko seit längerem klargestellt, daß es weder den mauretanischen noch seinen eigenen, 1976 von Spanien übernommenen Anteil an der phosphatreichen ehemaligen spanischen Kolonie Westsahara der Polisario überlassen werde. Die algerische Unterstützung der Polisario war von Rabat wiederholt scharf verurteilt worden. Militärische Zwischenfälle an der marokkanisch-algerischen Grenze häuften sich in den vergangenen Monaten.

Bezeichnend für die gegenwärtige Stimmung in Marokko ist ein Kommunique von Boucettas Istiqlal-Partei, in dem die „völlige Verbundenheit“ mit König Hassan für den Fall ausgedrückt wird, daß Marokko auf Grund einer einseitigen Aktion Mauretaniens „seine Verantwortung übernehmen muß“. Beobachter rechnen infolgedessen mit einer unmittelbar bevorstehenden Besetzung der mauretanischen Westsahara-Provinz durch die mehreren tausend noch in Mauretanien stationierten marokkanischen Soldaten.

Die Verhandlungen zwischen Mauretanien und der von Algerien unterstützten Polisario hatten kurz nach dem Militärputsch in Nuakschott im Juli 1978 begonnen. Libyen, das neben anderen arabischen Ländern vermittelte, kündigte einen Friedensvertrag schon für Mai dieses Jahres an. Durch den tödlichen Flugzeugabsturz des mauretanischen Präsidenten Ould Busseif und die marokkanische Militärpräsenz im eigenen Land wurde der Verhandlungsabschluß noch einmal verzögert.

Doch auf längere Sicht konnte Mauretanien einen Friedensvertrag nicht umgehen. Das unterentwickelte Wüstenland war durch den Guerilla-Krieg der Polisario seit eineinhalb Jahren militärisch besiegt und wirtschaftlich ausgeblutet. Die marokkanischen Truppen konnten, und wollten die Last der Kämpfe, an allen Fronten nicht weiter alleine tragen. Mauretanien mußte deshalb während der letzten Verhandlungsrunde Ende vergangener Woche in Algier praktisch bedingungslos kapitulieren.

In dem Abkommen verpflichten sich beide Seiten, die Uno-Resolutionen und die Beschlüsse der Organisation Afrikanischer Einheit (OAU) zum Selbstbestimmungsrecht der Völker und zur Unverletzlichkeit der Kolonialgrenzen zu respektieren. Nuakschott verzichtet auf Gebietsansprüche in der Westsahara und die Polisario auf solche in Mauretanien. Beide Seiten verpflichten sich zu einem gerechten und dauerhaften Frieden“ und zu guter Nachbarschaft. Mauretanien erklärt seinen Rückzug aus dem „ungerechten Krieg“ und aus den besetzten Provinzen – freilich ohne einen genauen Zeitpunkt zu nennen. U. V.