Kabul, im August

Noch am Sonntagmorgen plakatierte die Kabul Times in fetter, großer Überschrift ein Zitat von Premierminister Hafizullah Amin, dem starken Mann des Regimes: „Wir haben die Lage völlig unter Kontrolle.“ Am Sonntagnachmittag wurde dann im Zentrum Kabuls scharf geschossen. Regierungstreue Truppen mit Panzern, Mig-Kampf-Flugzeugen und Mi-24-Raketenhelikoptern feuerten in das auf einem strategischen Hügel gelegene Bela Hisar-Fort und auf dessen meuternde Garnison. Andere Stadtteile wurden nicht betroffen, es kam weder zum Blutbad unter der Zivilbevölkerung, wie afghanische Exilkreise zu wissen vorgeben, noch zum Aufstand der Massen, von dem die Regimegegner träumen. Nach drei Stunden war der Spuk vorbei, Lautsprecherwagen konnten den erneuten „Sieg der Revolution“ verkünden.

Das „rote“ Afghanistan ist weder so „glücklich und ruhig“, wie Präsident Noor Mohammed Taraki und Hafizullah Amin behaupten, noch so total chaotisch, außer Rand und Band geraten, wie von islamischen Propagandisten zu hören ist. Sicherlich schwelt in dem mittelalterlich zurückgebliebenen, in isolierte Talschaften und Stammesverbände aufgespaltenen Land tiefer Unmut über die Eingriffe einer immer repressiveren Zentralregierung, die mit Marxens und Moskaus Hilfe an althergebrachte Traditionen und partikulare Machtstrukturen rührt. Sicherlich fehlt der im April 1978 „im Namen des Volkes“ an die Macht gelangten revolutionären Führung jegliches politisches Fingerspitzengefühl, auch das Vermögen, sich an das „ewige Afghanistan“ anzupassen. Ganz ohne Zweifel ist aus dem Iran der Bazillus islamischen Aufstandes gegen eine „gottlose“ Obrigkeit auch in diese zentralasiatische Abgeschiedenheit eingedrungen.

Aber Afghanistan ist nicht der Iran. Unzufriedene, wilde Stammeskrieger sind noch lange keine schlagkräftigen, sich für das Allgemeinwohl aufopfernden Bürgerkrieger. Scharmützel ergeben noch keine wirklich bedrohlichen Frontlinien. Der afghanische Chomeini muß erst gefunden, wenn nicht geboren werden, und schließlich: Die Meuterei in Kabul wurde vom weiterhin intakten Kern der an sowjetischen Beraterzügeln liegenden Elitetruppen ebenso wirksam bekämpft wie zuvor die Soldatenaufstände in Herat und Jallalabad. Kabul ist für die Gegenrevolution nicht mehr tabu, aber auch noch nicht sturmreif. A. K.