Von Ulrich Schmidt

Immer wenn ich mit der Bahn durch Hagen kam, wenn vor der Einfahrt in den Bahnhof als das einzig Bemerkenswerte der rußgeschwärzte Kirchturm sichtbar wurde, dann dachte ich gleichermaßen an Kohlenpott und an Hagen, den finsteren Siegfried-Mörder. Ich hielt Hagen für eine Kurzform von Unbehagen und hatte nur den einen Wunsch: niemals in Hagen aussteigen zu müssen.

Das änderte sich aber mit der Zeit. Bei jeder weiteren Durchfahrt verstärkte sich meine Neugier: Ist Hagen wirklich so oder ganz anders? Und überhaupt: was erlebt ein Tourist in einer für die Touristik offenbar völlig ungeeigneten Stadt? Eine Geratewohl-Reise nach Jedermann-Stadt – was bringt die ein?

Ungefähr bei der achtzehnten Annäherung entschließe ich mich, diesmal nicht durchzufahren, sondern für 24 Stunden zu unterbrechen und mich um ein genaueres Hagen-Bild zu bemühen. Vielleicht wird es nur zu einem Reisewarntip reichen nach dem Motto „Deutschlands häßlichste Stadt“, vielleicht aber auch überrascht mich Hagen mit der Enthüllung unvermuteter, der Touristik und der Journalistik bisher vorenthaltener Reize.

Ich gehe behutsam vor und achte noch sorgfältiger als sonst auf die Symptome der ersten Annäherung. Rundblick über den Bahnhofsplatz: eine Stadt wie viele andere, fast gesichtslos, keine markanten Punkte. Aber auch keine Spur von Großstadtverwahrlosung. Die Luft ist so sauber wie die Straßen, man schmeckt die Nähe der bewaldeten Höhen ringsum. Die Leute sind eilig wie überall in Bahnhofsnähe und dennoch freundlich aufgeschlossen für Touristenfragen.

Mit dem Genuß klassischen Bildungsreisefutters werde ich wenig Zeit zuzubringen haben. Altehrwürdiges gibt es hier offenbar nicht. Das wird mir schon im Informationskiosk auf dem Bahnhofsplatz klar, beim Überfliegen der Prospekte.

Es sind zwei Faltblätter, themengleich, aber unterschiedlich gemacht. Das eine, offenbar ältere, ein knallblauer Augengraus, bietet unter der aberwitzigen Überschrift „Hagen – die sehenswerten Sehenswürdigkeiten“ gezeichnete Stadtansichten, aber auch einige brauchbare Hinweise. Das andere Faltblatt ist hübsch bunt, werbeflott und auskunftsarm. Zwei halbgute Prospekte statt eines guten. Der Stadtfremde wird sich schon zusammenklauben, was er braucht. Sofern er an die Blätter überhaupt herankommt. Denn die Öffnungszeiten am Kiosk sind knapp bemessen.