Sindona-Skandal: Tauchte der Bankrotteur unter oder wurde er gekidnapt?

Von Friedhelm Gröteke

Morgens um sieben Uhr verließ Michele Sindona am 2. August sein Privatappartement im New Yorker Luxushotel Pierre. Er ging zu Fuß – und ward seitdem nicht mehr gesehen.

New Yorker Stadtpolizei und FBI, die Sindonas Verschwinden bis Dienstag dieser Woche verschwiegen, verfolgen nach einem anonymen Telefonanruf. vor allem zwei Spuren: Ist. der größte italienische Bankrotteur der Nachkriegszeit von der Mafia aus dem Verkehr gezogen worden, weil er zuviel wußte oder hat der findige Advokat eine Entführung vorgetäuscht, um sich dem für den 10. September in New York gegen ihn angesetzten Strafprozeß zu entziehen?

Der Fall des Sizilianers Sindona, der Staatsanwälte nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in seinem Heimatland seit langem in Atem hält, wird damit noch geheimnisvoller als er ohnehin schon ist. Noch immer nämlich rätselt die italienische Polizei über zwei Morde innerhalb eines einzigen Monats, die beide mit Sindona in-Zusammenhang stehen.

Wer hat, so fragen sich die Kriminalbeamten, die drei Mörder bestellt, die den Vergleichsverwalter der Banca Private Italiana, Giorgio Ambrosoli, am 12. Juli zwei Minuten nach Mitternacht vor seinem Haus in Mailand nach Mafia-Art erschossen? Die Banca Privata gehörte Sindona, dessen Finanzimperium fast gleichzeitig mit dem Herstatt-Krach hierzulande zusammenbrach. Ambrosoli war offenbar auf wichtige Einzelheiten der dunklen Sindona-Geschäfte gestoßen – und hatte darüber mit dem Polizeichef von Palermo, Boris Giuliano, gesprochen. Ergebnis: Eine Woche später fiel auch Giuliano im Kugelhagel.

Dem jetzt von der Bildfläche verschwundenen Ex-Milliardär Sindona, gegen drei Millionen Dollar Kaution von der Haft verschont, wird von den Strafverfolgungsbehörden in USA in 99 Anklagepunkten unter anderem vorgeworfen, er habe sich über die Franklin Bank verbotenerweise 225 Millionen Dollar angeeignet. Eben dieses Geld soll er vorher der Banca Privata in Mailand entzogen haben. Die Franklin Bank, die zu den zwanzig größten Banken der USA zählte, war Sindonas Finanzstützpunkt in der Neuen Welt, bis sie zusammen mit seinen Banken und Industrieunternehmen in Europa pleite ging.