Widersprüche im Leben des Ost-Berliner Architekten Hermann Henselmann

Von Manfred Sack

Bei einer Begegnung vor drei Jahren sagte er über die sowjetischen Architekten, sie seien „viel besser, als sie bauen dürfen“. Ein paar Sätze später klagte er über die Talente im eigenen Lande, der Deutschen Demokratischen Republik: „Was wird da alles aufgegeben an Träumen – bei unseren jungen Leuten!“ Es war offenbar, daß sich sein Ärger nur zum Teil gegen die Architekten richtete, die nach ihren Examina so rasch und kleinlaut bereit sind, sich ihre Träume von einer menschenfreundlicher bebauten Welt nehmen zu lassen, zum anderen Teil aber gegen die Umstände, die ihre eben noch so gepflegten Ideen verhöhnen.

Mit sich selber freilich hat er das niemals, jedenfalls nicht auf so platte Art und Weise mit sich geschehen lassen. Er hat niemals ganz aufgehört zu träumen und zu räsonieren, zu probieren und zu provozieren. Zwar erkannte er schlau und scharfäugig die Grenzen des Zumutbaren, aber das ermunterte ihn auch wieder zu kleinen, mitunter empfindlichen Übertretungen. Selbst da, wo seine Zunft sich und die moderne Architektur verraten fühlte, weil er sich in einer abenteuerlichen Kehrtwendung der ästhetischen Doktrin seiner Partei, der SED, unterwarf, war er wenigstens noch Manns (und impertinent) genug, sich zu seinem Irrtum – so oder so verstanden – zu bekennen. Dieses Ereignis hatte ihn zum „Zuckerbäcker der Stalinallee“ gemacht.

Reden ist seine Leidenschaft

Spätestens damals, Anfang der fünfziger Jahre, hatte er einen Namen, aber was für einen. Zwar war er gar nicht „der Architekt“ dieses steifen, heute von manchen schon wieder bewunderten imperialen Boulevards in Ost-Berlin, aber tatsächlich ihr Herold. So wurde er – und, wie seltsam auch: – so blieb er der bekannteste, besser der einzige hinlänglich bekannte Architekt der DDR, „im eigenen Lande wie im Ausland“: Hermann Henselmann. Anlaß, sich jetzt seiner anzunehmen, gibt weder ein offizieller Geburtstag noch ein Jubiläum, auch kein Furore machendes Bauwerk oder eine städtebauliche Überraschungstat, sondern ein Buch, das ihm gewidmet ist, das ihn unerwartet freimütig darstellt und ihn selber sich gehörig darstellen läßt. Denn, schreibt einer der beiden Essayisten, die sich darin analytisch mit ihm einlassen, „Reden ist seine Leidenschaft“ – und Bauen sein Traum, Es heißt „Hermann Henselmann – Gedanken, Ideen, Bauten, Projekte“ und enthält zwei vorwiegend biographische, bemerkenswert sachliche Essays von Wolfgang Heise und Bruno Flierl und 35 Artikel und Aufsätze des Titelhelden, erschienen zwischen 1945 und 1975 (Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin; 256 S., 155 Abb., 25,– DM).

Dieses Buch ist nun ganz anders als eine zu seinem 70. Geburtstag 1975 herausgebrachte Broschüre, die vor lauter Bravheit, Vorsicht und beflissener Ungenauigkeit nur eine steife Huldigung war: ziemlich offenherzig, überraschend kritisch mit dem Helden wie mit seinem Auftraggeber, wenngleich verhältnismäßig gemessen im Urteil.