Als der Exil-Russe und Mikrobiologe Zhores Medwedjew am 4. November 1976 in dem britischen Wissenschaftsmagazin New Scientist beiläufig einen schweren Atommüllunfall erwähnte, der 1957 oder 1958 unweit der Stadt Kyschtym im Ural stattgefunden haben soll, erntete er von westlichen Kernenergie-Befürwortern Hohn und Spott: „Unsinn“, „reine science fiction“, „eine Erfindung der Phantasie“. Auch sein Buch „Bericht und Analyse der bisher geheimgehaltenen Atomkatastrophe in der UdSSR“ (siehe ZEIT Nr. 17 vom 20. April 1979, Seite 15: „Friedhöfe der Erde“) konnte die Atom-Verteidiger nicht überzeugen. Ihnen kam die Sache nicht koscher vor.

Nun berichtete eine Expertengruppe des Oak Ridge National Laboratory im US-Bundesstaat Tennessee der amerikanischen Kernenergiekommission NRC, daß sie Medwedjews Angaben überprüft hätte und weitgehend zum gleichen Ergebnis gekommen sei: Im Jahr 1958 wurde ein ausgedehntes Gebiet nahe Kyschtym nach einem Atommüllunfall radioaktiv verseucht. Wie der New Scientist meldet, arbeitet die Gruppe unter Leitung von Stanley Auerbach derzeit an einem detaillierten Bericht für die NRC.

Auerbachs Team überprüfte insgesamt 115 sowjetische Forschungsberichte, in denen Medwedjew bei seiner wissenschaftlichen Detektivarbeit auf den ersten Blick harmlos erscheinende Hinweise auf die radioaktive Verseuchung von Pflanzen und Tieren, Wasser und Boden gefunden hatte. Zusätzlich besorgte sich die Gruppe Dokumente des US-Geheimdienstes CIA, die Informationen über das Unglück enthielten, und interviewte den heute in Israel lebenden Professor Ljew Tumermann, der 1961 als Leiter des biophysikalischen Labors am Moskauer Institut für Molekularbiologie eher zufällig bei einer Autofahrt durch das verseuchte Gebiet kam.

Das zentrale Problem bei der Rekonstruktion der Kyschtym-Katastrophe ist das mysteriöse Verhältnis der radioaktiven Isotopen Strontium-90 und Cäsium-37. Beide strahlende Elemente kommen im Abfall normaler Kernspaltungsprozesse stets im Verhältnis eins zu eins vor. In den sowjetischen Publikationen, die angeblich kontrollierte radioaktive Verseuchungen („Kontaminationen“) im Labormaßstab beschreiben, beträgt das Strontium-Cäsium-Verhältnis mitunter 100 zu eins – und in manchen Berichten findet sich überhaupt kein Hinweis auf Cäsium. Auerbach räumt unter anderem ein, was Medwedjew auch bereits vermutet hatte: Daß die Sowjets das Cäsium aus ihren nuklearen Abfällen herausgefiltert haben könnten – entweder, um es als Strahlenquelle etwa für die Sterilisation von Lebensmitteln oder aber als Stoff für radioaktive Waffen zu verwenden.

Die Experten um Auerbach sind mit Medwedjew einig, daß die Kontamination eines so ausgedehnten Gebietes – Medwedjew spricht von einigen hundert Quadratkilometern, die vorsichtige Schätzung des Oak-Ridge-Teams von mindestens 25 Quadratkilometern – durch eine Explosion oder zumindest explosionsähnliche Verpuffung radioaktiven Mülls ausgelöst worden sein könnte. Die amerikanischen Experten nennen fünf mögliche Ursachen, die eine solche Explosion hätten auslösen können – etwa eine genügend große Ansammlung spaltbarer Masse oder das beim Trennprozeß verwendete Ammoniumnitrat, das auch als Sprengstoff dient. Medwedjew hatte zwei weitere mögliche Ursachen angeführt: die Ablagerung hochradioaktiver Flüssigkeit in geologisch nicht ausreichend sicheren unterirdischen Deponien sowie eine Anreicherung des Spaltstoffs Plutonium in Tonschichten der Deponie durch eine sogenannte selektive Absorption.

Anders als der Exil-Russe machen Stanley Auerbach und seine Kollegen freilich keine Aussagen über die Zahl der Opfer, weil sie sich von vornherein nur auf ökologische Systeme beschränkten. Auerbach meint dennoch, daß „sich jemand darum kümmern sollte... weil das eine wichtige Sammlung wissenschaftlicher Fakten wäre, die die Leute kennen sollten“.

Günter Haaf